Rubrik Bau(en) & Städtegestaltung

Initiative „Bau-Turbo kommunal“ fordert klare Leitplanken für neue Freiheiten

03.03.2026 – Lesezeit ca. 4 Minuten 595

Initiative „Bau-Turbo kommunal“ fordert klare Leitplanken für neue Freiheiten

Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB (Bild: DGNB)

Mit der neuen Initiative „Bau-Turbo kommunal“ ruft ein breites Bündnis aus Architektur-, Umwelt- und Klimaschutzorganisationen die politischen Entscheidungsträger der Städte und Gemeinden in Deutschland dazu auf, die erweiterten Handlungsspielräume des sogenannten Bau-Turbos verantwortungsvoll und zielgerichtet zu nutzen. Die Reform des Baugesetzbuchs eröffnet zusätzliche Möglichkeiten für schnellere Entscheidungen, kann aber – ohne klare Leitplanken – Flächenverbrauch, Zersiedelung und Klimabelastung verstärken.

„Mit den neuen Freiheiten geht eine zusätzliche Verantwortung einher“, sagt Leon Beck, Vorstand von Architects for Future e.V.. „Der Bau-Turbo kann helfen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und den Gebäudebestand besser zu nutzen. Doch die aktuellen Regelungen sind zu wenig zielgenau: Sie öffnen auch Wege für Projekte, die unseren Klimazielen und dem Prinzip der Innenentwicklung vor Außenentwicklung entgegenlaufen. Ob der Bau-Turbo Fortschritt oder Rückschritt bedeutet, entscheidet sich in den Kommunen.“

Neue Paragraphen erlauben schnellere Entscheidungen

Das Gesetz erlaubt es nun, Bauvorhaben über neue Paragraphen wie §31 Absatz 3, §34 Absatz 3b und §246e BauGB schneller und mit mehr kommunalem Entscheidungsspielraum zu genehmigen. Damit gewinnen Städte und Gemeinden an Bedeutung für die räumliche und soziale Entwicklung. Das Bündnis möchte sie darin unterstützen, die neuen Instrumente verantwortungsvoll zu steuern und ihren Beitrag zur notwendigen Bauwende zu leisten.

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„Die Idee, Entscheidungen näher an die lokale Ebene zu bringen, ist richtig“, betont Kurt Gramlich von Klimaschutz im Bundestag e.V.. „Aber es darf nicht passieren, dass Tempo und Vereinfachung Klimaschutz und Beteiligung aushebeln. Die Kommunen brauchen Orientierung, um das neue Recht im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation anzuwenden – nicht als Freifahrtschein für Bauen um jeden Preis.“

Partnerorganisationen fordern verbindliche Kriterien für Nachhaltigkeit

Auch die Partnerorganisationen fordern, den beschleunigten Entscheidungsprozessen ein stabiles Fundament aus Fachlichkeit und Nachhaltigkeit zu geben. Dr. Christine Lemaitre, Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), erklärt: „Nur wenn Gemeinden verbindliche Kriterien festlegen – von Energie- und Ressourceneffizienz bis zu sozialer Infrastruktur und Freiraumqualität – wird aus dem Bau-Turbo ein Werkzeug für eine lebenswerte Zukunft.”

Für die Bundesarchitektenkammer (BAK) mahnt Präsidentin Andrea Gebhard: „Gute Architektur und nachhaltige Planung brauchen Verlässlichkeit – besonders wenn Planungsprozesse beschleunigt werden. Der kommunale Gestaltungswille darf sich nicht in beliebigen Einzelfallentscheidungen auflösen, Beschleunigung darf Qualität und Gemeinwohlorientierung nicht ersetzen.“

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) sieht in der Reform Risiken, wenn Kommunen keine klaren Grenzen ziehen. Sylvia Pilarsky-Grosch, Vorsitzende des BUND Baden-Württemberg, warnt: „Wenn die neuen Freiheiten dazu genutzt werden, Bauprojekte im Außenbereich zu ermöglichen, verlieren wir weitere wertvolle Natur- und Agrarflächen wie z.B. Streuobstwiesen. Damit gefährden wir Artenvielfalt, Klimaziele und die Lebensqualität kommender Generationen.“

Initiative stellt Vorlage für kommunale Grundsatzbeschlüsse bereit

Um den Gemeinderäten Orientierung zu geben, stellt die Initiative eine Vorlage für kommunale Grundsatzbeschlüsse bereit. Diese hilft Städten und Gemeinden, transparente und faire Leitlinien für ihre Entscheidungen im neuen Rechtsrahmen festzulegen – etwa zur Flächeneffizienz, Klimaanpassung oder sozialen Ausgewogenheit.

„Kommunen sind die Orte, an denen sich entscheidet, ob die Bauwende gelingt“, so abschließend Leon Beck (Architects for Future). „Wir laden alle Verantwortlichen ein, die neuen Freiheiten gezielt zu nutzen – für nachhaltige, gerechte und klimaresiliente Städte, die Bestand wahren, statt weiter Flächen zu verbrauchen.“

Gesprächsrunde zur neuen Initiative am 4. März

Am Mittwoch, den 4. März 2026, findet im Rahmen des digitalen DGNB Jahreskongresses die von Dr. Christine Lemaitre moderierte Gesprächsrunde „Bau-Turbo, und jetzt? Welche neuen Chancen eröffnen sich für Kommunen” statt. Mit dabei sind Leon Beck, Architects for Future Deutschland e.V., Philipp George, Klimaschutz im Bundestag e.V. und Sylvia Pilarsky-Grosch, BUND Baden-Württemberg. Die Anmeldung zur kostenlosen Teilnahme erfolgt unter 2 (siehe Quellen/Links). Ein Mitschnitt der Runde ist im Nachgang auf dem YouTube-Kanal der DGNB zu finden.


Über die Initiative

„Bau-Turbo kommunal“ ist eine gemeinsame Initiative von Architects for Future e.V. (A4F), Klimaschutz im Bundestag e.V., der Bundesarchitektenkammer (BAK), der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND). Ziel ist es, Kommunen bei der verantwortungsvollen Nutzung der neuen Planungsinstrumente des Baugesetzbuchs zu unterstützen und die nachhaltige, klimaangepasste Stadtentwicklung in Deutschland zu fördern.

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