Rubrik Bau(en) & Städtegestaltung

„Zu teuer, zu riskant, zu unflexibel?“ – Ein Experte räumt mit gängigen Vorurteilen auf und ordnet die Leistungsfähigkeit moderner ÖPP-Modelle ein

Reality-Check ÖPP

28.05.2026 – Lesezeit ca. 4 Minuten 356

Reality-Check ÖPP

Rathaus Neustadt am Rübenberg (Bild: GOLDBECK)

Redaktion: Herr Hense, viele Kommunen haben mit Öffentlich-Privaten-Partnerschaften schlechte Erfahrungen gemacht oder zumindest davon gehört. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Carsten Hense: Viele Vorurteile stammen aus einer Zeit, in der ÖPP-Modelle noch deutlich weniger ausgereift waren. Heute vergleichen wir oft aktuelle Projekte mit Erfahrungswerten von vor 15 oder 20 Jahren – das greift zu kurz. Vertragsstrukturen, Vergabepraxis und Steuerungsinstrumente haben sich seither erheblich weiterentwickelt.

Verbreitet ist die Ansicht, am Ende verliere die Kommune die Kontrolle – stimmt das?

Redaktion: Kritiker sagen: Wer Planung, Bau und Betrieb in eine Hand gibt, macht sich abhängig. Ist das ein reales Risiko?

Carsten Hense: Diese Sorge oder besser dieses Vorurteil begegnet mir oft, einer sachlichen Prüfung hält dies aber nicht stand. Moderne ÖPP-Verträge sichern der öffentlichen Hand umfassende Steuerungs- und Eingriffsrechte. Das ist wichtig zu wissen. Die Kommune definiert Ziele und Leistungskennzahlen – und behält die Hoheit darüber. Kontrolle geht also nicht verloren, sie wird sogar professionell organisiert und fest fixiert.

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Kritiker meinen, ÖPP sei zu teuer und eine Privatisierung durch die Hintertür.

Redaktion: Kritiker sprechen auch von überhöhten Kosten und verdeckter Privatisierung.

Carsten Hense: Das ist ein Missverständnis oder eine Missdeutung der Tatsachen. Beim häufig genutzten ÖPP-Inhabermodell bleibt die öffentliche Hand Eigentümerin – wichtig zu betonen: es findet keine Vermögensprivatisierung statt. Der private Partner erhält eine Vergütung für klar definierte Leistungen, nicht nur für das Gebäude an sich. Diese Vergütung ist an messbare Kriterien gekoppelt. Wird die vereinbarte Leistung seitens des privaten Partners nicht geliefert, so werden die Vergütungen entsprechend gekürzt.

Feuerwehrtechnisches Zentrum Neustadt (Bild: Goldbeck)

Warum sollte eine Kommune bewusst ein vermeintlich komplexeres Modell wählen?

Redaktion: Öffentlich-Private Partnerschaften gelten gemeinhin als rechtlich und organisatorisch aufwendig. Warum sollte man sich das „antun“?

Carsten Hense: Weil Komplexität nicht per se schlecht ist. Im Vergleich zur klassischen Einzelvergabe stimmt das – die Vorbereitung ist intensiver. Aber genau darin liegt der Vorteil! Anforderungen, Risiken, Lebenszykluskosten – alles wird frühzeitig festgelegt. Das schafft Transparenz und erhöht die Rechtssicherheit. Der Aufwand wird also tatsächlich nicht größer, sondern lediglich sinnvoll vorgezogen. Mit dem Vorteil, dass komplexe Schnittstellen im späteren Verlauf bis hin zum langjährigen Betrieb erheblich reduziert werden.

Binden sich Kommunen mit ÖPP finanziell die Hände?

Redaktion: Langfristige Zahlungsverpflichtungen schrecken viele Kämmerer ab. Ist diese Sorge unbegründet?

Carsten Hense: Langfristigkeit wird oft mit Unbeweglichkeit gleichgesetzt. In Wirklichkeit bedeutet sie vor allem Planungs- und vor allem auch wirtschaftliche Sicherheit. Zahlungen erfolgen nur bei nachgewiesener Leistung und sind über die gesamte Laufzeit fixiert und daher kalkulierbar. Über den Lebenszyklus von 20 bis 30 Jahren betrachtet ist die Haushaltswirkung bei sachgerechter Planung mit klassischen Beschaffungsmodellen vergleichbar, meist sogar kostengünstiger, transparenter und mit spürbarer Entlastung für die Kommune.

Was ist mit regionalen Betrieben und Arbeitsbedingungen?

Redaktion: Es gibt die Sorge, regionale KMU oder soziale Standards könnten unter Druck geraten, wenn ein privater Partner mit ins Spiel kommt.

Carsten Hense: Auch das bestätigt sich so nicht. Bau- und Betriebsleistungen werden auch durch den privaten Partner in den allermeisten Fällen in Einzelgewerken vergeben, wodurch regionale Unternehmen standardmäßig eingebunden werden. Zudem unterliegen ÖPP-Projekte uneingeschränkt dem deutschen Arbeits-, Tarif- und Vergaberecht. Kommunen können soziale Mindestanforderungen ausdrücklich festlegen und kontrollieren. Da gibt es keine Grauzone.

Also alles gut dank ÖPP?

Redaktion: Klingt fast zu positiv. Wo liegen die Grenzen des Modells?

Carsten Hense: Öffentlich-Private Partnerschaften sind ein leistungsfähiges Instrument für Vorhaben mit klaren Anforderungen und langfristiger Perspektive. Sie eignen sich jedoch nicht für jedes Projekt und ersetzen selbstverständlich keine sorgfältige Prüfung. Aber entscheidend ist nicht, ob man ÖPP grundsätzlich gut oder schlecht findet, sondern ob sie für das konkrete Projekt die beste Lösung sind.


Zur Person: Carsten Hense ist studierter Diplom Bauingenieur, und war ab 1999 bei GOLDBECK unter anderem als Geschäftsbereichsleiter der GOLDBECK Südwest GmbH in Frankfurt sowie der GOLDBECK Public Partner GmbH in Bielefeld tätig. Seit 2022 ist er Geschäftsführer der GOLDBECK Public Partner GmbH.

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