Rubrik Energie & Netze

Dauerhafte CO₂-Speicherung mit Mehrwert

Pflanzenkohle als Lösung in der Klimakrise?

02.06.2026 – Lesezeit ca. 4 Minuten 372

Pflanzenkohle als Lösung in der Klimakrise?

Bei der Pyrolyse wird möglichst holzige Biomasse unter hohen Temperaturen und Sauerstoffentzug verkohlt. (Bild: GPP/klimafarmer)

Der Klimawandel schreitet voran, trotz vielfältiger Initiativen steigt der CO₂-Ausstoß global weiter an, wenngleich langsamer als früher. Noch liegen die abschließenden Zahlen für 2025 nicht vor, aber erwartet wird ein Gesamtausstoß von etwa 42,2 Milliarden Tonnen, das würde einem weiteren Rekordhoch entsprechen. Klar ist dabei längst, dass Klimaneutralität als Ziel nicht ausreicht, sondern es weitergehendes Engagement braucht, um den CO₂-Gehalt der Atmosphäre zu senken. Bislang sind mehrere Ansätze zur aktiven CO₂-Speicherung bekannt – der Fachbegriff lautet „Dekarbonisierung“ – die sich grob in technische und naturbasierte Konzepte einteilen lassen.

Naturbasiertes CO₂-Senken

Die einfachsten Verfahren nutzen die Tatsache, dass Pflanzen, insbesondere Bäume, in Holz und Wurzeln CO₂ fixieren. Durch Aufforstung und Wiederaufforstung wird also aktiv CO₂ gebunden. Humusaufbau und regenerative Landwirtschaft, beispielsweise durch weniger Pflügen und insgesamt bodenschonende Bewirtschaftung erhöhen den Kohlenstoffgehalt im Boden. Sehr effizient ist auch die Wiedervernässung von Mooren: Torfmoore speichern sehr viel Kohlenstoff, solange sie nass bleiben und kein Torf abgebaut wird. Ein weitergehendes Verfahren, das seit einigen Jahren erhebliche Aufmerksamkeit erfährt, ist die Produktion und Nutzung von Pflanzenkohle: Biomasse wird zu Pflanzenkohle verarbeitet, die Kohlenstoff langfristig speichert. Das Verfahren der Pyrolyse – Verkohlung von Biomasse bei hohen Temperaturen unter Sauerstoffentzug – ist effizient und vergleichsweise günstig. „Holz aus kommunalem Schnitt könnte hierbei die größte Chance bieten, um viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu holen“, weiß Ron Richter, Geschäftsführer der klimafarmer GmbH.

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„Wir gewinnen bei der Pyrolyse als positiven Nebeneffekt Energie, die wir nutzen können!“ – Ron Richter, Gründer und Geschäftsführer der klimafarmer GmbH. (Bild: GPP/klimafarmer)

Pflanzenkohle als Gamechanger?

Neu ist die Idee der Verkohlung von Biomasse bei Weitem nicht. Die indigenen Einwohner des Amazonasgebiets haben schon lange „Terra preta“ (schwarze Erde) genutzt, um ihre Böden fruchtbarer zu machen. Dieser Nutzen von Pflanzenkohle beruht auf der Tatsache, dass sie eine extrem große innere Oberfläche hat, die die Speicherung von Nährstoffen und Wasser im Boden deutlich verbessert. Der bekannte Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Professor Dr. Harald Lesch hat aktuell eine Terra-X-Sondersendung zum Thema Pflanzenkohle vorgestellt und dabei insbesondere das enorme Potenzial zur Lösung der Klimakrise erläutert. „Hier ist Mutter Natur am Werk und die wusste schon immer am besten, wie es geht“, so Lesch in dem Beitrag. Die Pyrolyse sei nicht die eine Lösung, um die Erderwärmung aufzuhalten, aber sie könne ein entscheidender Teil davon sein. Er zitiert Zahlen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das in 2025 errechnet hatte, dass eine weltweite Nutzung von Pyrolyse zur Dekarbonisierung etwa 0,3 bis 2 Gigatonnen CO₂ pro Jahr einsparen könnte. Um das Pariser Klimaziel zu erreichen, die globale Erwärmung auf möglichst 1,5 Grad Celsius auf das vorindustrielle Niveau zu begrenzen, müssten demnach 3,8 Gigatonnen CO₂ pro Jahr der Atmosphäre entzogen werden. Lesch: „Theoretisch hat also die Pflanzenkohle das Potenzial, uns ganz erheblich beim Klimaschutz zu unterstützen und im besten Fall die Hälfte der notwendigen CO₂-Fixierung zu erreichen!“ Er betont aber zugleich die vielfältigen Grenzen bei Biomasseverfügbarkeit, Kosten, Qualität und Skalierung – Pflanzenkohle sei also ein bedeutender Baustein für Negativemissionen, jedoch weder ein Allheilmittel noch ein Ersatz für Emissionsminderung.

Vorteile gegenüber technischen Lösungen

Auf 80 bis 365 US-Dollar pro Tonne fixiertem CO₂ belaufen sich laut IPCC die Kosten bei der Pyrolyse – ein stolzer Preis, der langfristig aber deutlich sinken wird. Das bestätigt auch Ron Richter, der als Pionier der Pflanzenkohle-Produktion und -nutzung in Deutschland gilt und weitere Vorteile aufzählt: „Wir gewinnen bei der Pyrolyse als positiven Nebeneffekt Energie, die wir nutzen können! Die Abnehmer der Pflanzenkohle erhalten zudem ein CO₂-Zertifikat und damit quasi einen Anreiz, noch umweltfreundlicher zu werden“, so Richter. Das technische Verfahren Direct Air Capture, bei dem CO₂ aus der Atmosphäre geholt und gebunden wird, ist laut Prof. Dr. Harald Lesch mindestens doppelt so teuer wie die Pyrolyse und generiert keine Energie. Ron Richter betont vor allem, wie vielseitig man Pflanzenkohle einsetzen kann: „Die Dekarbonisierung durch Pyrolyse ist wirklich ein ‚Back to the roots!‘ und die Pflanzenkohle eignet sich für verschiedenste innovative Verwendungen.“ Aus der Vielzahl der Projekte, in die die klimafarmer GmbH eingebunden ist, nennt er die Bodenverbesserung in Weinbau und Landwirtschaft, aber auch die Verarbeitung von Pflanzenkohle in abbaubare Pflanzgefäße, die Beimischung zu Tierfutter oder als Zuschlagsstoff in der Bauindustrie.

Mehr Informationen zur Pyrolyse und der Bedeutung dieser biobasierten Technologie zum Klimaschutz stehen in einem aktuellen Youtube-Beitrag von Professor Harald Lesch in der ZDF-Reihe Terra-X1

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