Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 1 - Januar / Februar 2026 der gedruckten Kommunalwirtschaft abgedruckt.

Rubrik Wasser / Abwasser

Gewappnet für den Blackout?

19.01.2026 – Lesezeit ca. 5 Minuten 295

Gewappnet für den Blackout?

Welche Gefahren der Stadtentwässerung als Betreiber der kritischen Infrastrukturen drohen und wie sich das Unternehmen auf Notfälle vorbereitet.

Ein Blackout hatte nach einem Anschlag tagelang das Stromnetz im Berliner Südwesten lahmgelegt. Dabei war auch schonungslos offengelegt worden, wo es bei der kritischen Infrastruktur der Bundeshauptstadt hakt. Für einen bedeutenden Teil von Dresdens kritischer Infrastruktur ist die Stadtentwässerung zuständig – die Entsorgung und Reinigung des Abwassers. Es wäre ein Drama, wenn nach einem Blackout bei der Abwasserentsorgung der Haushalte oder der rasant wachsenden Mikrochipindustrie nichts mehr gehen würde. „Da haben wir als Betreiber eine besondere Verantwortung“, sagt Geschäftsführer Ralf Strothteicher.

Die Krisenszenarien: vom Stromausfall bis zum Cyberangriff

„Wir sind auf verschiedene Krisenszenarien eingerichtet“, erklärt er. „Die Lage wird nach unserer Einschätzung zunehmend ernster.“ Dabei gehe es nicht nur um einen Blackout, sondern auch um Hochwasser der Elbe oder anderer Gewässer, Pandemien oder einen Cyberangriff aufs IT-System des Unternehmens. „Nach einer entsprechenden Risikobewertung haben wir verschiedene Konzepte für die jeweiligen Szenarien erarbeitet, um die Schäden gering zu halten und nach dem Ereignis schnell zu einem regulären Betrieb unserer Anlagen zurückkehren zu können“, sagt der Abwasser-Chef. Es sei wichtig, die Notfälle auch regelmäßig praktisch zu üben.

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Notfall Blackout: Stromversorgung im Klärwerk gekappt

Seit über zehn Jahren testet die Stadtentwässerung den Ernstfall, so wenn bei einem Blackout der Strom nicht nur regional, sondern in Mitteleuropa für mehrere Tage ausfällt. Bei den Übungen wird die Stromversorgung am Zulauf gekappt, was im Klärwerk „kleine Insel“ genannt wird. Dabei handelt es sich um die Anlagen vom Zulauf über den Sandfang und den Grob- sowie den Feinrechen bis hin zum Hauptpumpwerk.

Zur Stromversorgung gibt es für diesen Fall ein großes Notstromaggregat, das eine Leistung von 1.000 Kilowatt hat. Allerdings kann das nicht die Versorgung des gesamten Klärwerks sichern. Deshalb müssen auch die drei Blockheizkraftwerke an den Faultürmen wieder in Betrieb genommen werden, die eine Leistung von drei Megawatt (MW) haben, was 4.080 PS entspricht. Geplant ist ein weiteres Blockheizkraftwerk, sodass dann mit vier MW insgesamt eine Leistung von 5.440 PS zur Verfügung steht. Da beim Blackout weniger Klärgas aus den Faultürmen kommt, wurde für solche Notfälle ein Erdgasanschluss hergestellt.

Die eigene Stromerzeugung: Energie aus Klärgas, Sonne und Wasserkraft

„Bei der eigenen Energieerzeugung von Strom und Wärme liegen wir jetzt schon bei knapp 90 Prozent“, erklärt Strothteicher. Derzeit werden jährlich rund 18.000 Kilowattstunden (kWh) erzeugt. Der Großteil des grünen Stroms wird aus dem Klärgas der beiden Faultürme erzeugt. In die Faultürme kommen täglich rund 1.000 Tonnen Klärschlamm. Bakterien zersetzen organische Bestandteile im Klärschlamm und es steigt Faulgas empor, etwa 60 Prozent Methan, der Rest Kohlendioxid.

Es folgen weitere Aufbereitungsschritte. Kompressoren erzeugen letztlich den nötigen Gasdruck für die Motoren des jeweiligen Blockheizkraftwerks. Sie treiben Generatoren an. So kann sehr energieeffizient Wärme und Strom erzeugt werden. Mit der Wärme der Abgase werden die Faultürme und das benachbarte Betriebsgebäude beheizt. „Geplant ist, dass das vierte Blockheizkraftwerk 2027 in Betrieb geht“, nennt der Abwasser-Chef das Ziel.

Außerdem wird im Klärwerk Kaditz Strom aus Wasserkraft gewonnen. 2024 waren es rund 690.000 kWh. Das funktioniert wie folgt: Durch einen 275 Meter langen Kanal fließt das gereinigte Abwasser von der Kläranlage bis zur Elbmitte. Dabei geht es bergab. Das nutzt die Stadtentwässerung im Ablaufbauwerk mit einem kleinen Kraftwerk zur Energiegewinnung. Immerhin fließen rund 55 Millionen Kubikmeter jährlich in die Elbe. Das Wasser treibt eine Turbine an. Der angeschlossene Generator erzeugt Strom fürs Klärwerk. Die sogenannte Kaplanturbine war Ende 2004 in Betrieb genommen worden. Sie hat eine Leistung von 120 Kilowatt. Die Anlage läuft Tag und Nacht. Nur bei Hochwasser, wie im Juni 2013, oder bei Störungen muss sie abgeschaltet werden.

„Wir haben auch noch Photovoltaikanlagen installiert“, verweist er auf einen weiteren Baustein. Damit werden jährlich bis zu 160.000 kWh erzeugt. Darüber hinaus sind Geothermieanlagen mit vier 100 Meter tiefen Erdbohrungen und Wärmepumpen installiert, mit denen Bürogebäude in den ehemaligen Faultürmen beheizt und gekühlt werden können. „Wir erzeugen am Standort Strom und Wärme, sodass wir weitgehend unabhängig von der öffentlichen Energieversorgung sind“, nennt er den großen Vorteil auch für Notfälle.

Der Hochwasserschutz: regelmäßig Ernstfall geprobt

Aber nicht nur den Blackout, sondern auch den Flutfall testet die Stadtentwässerung regelmäßig. Dafür gibt es Hochwasserschutz-Konzepte für das Klärwerk, für das Kanalnetz und für die Pumpwerke. Alle zwei Jahre wird der Ernstfall in Kaditz geprobt. Aufgebaut wird dabei ein technisches Schutzsystem, das den Kaditzer Deich zumindest um einen Dreiviertelmeter erhöht. Schließlich war das Klärwerk bei der Flut 2002 komplett überschwemmt worden. Durch diese und viele weitere Schutzmaßnahmen konnte das Klärwerk bei der Juniflut 2013 hingegen zuverlässig weiterarbeiten.

Doch die mobile Schutzwand ist bald nicht mehr nötig. Die Landestalsperrenverwaltung will ab dem Frühjahr einen Flutschutz für die Übigauer Insel bauen, der auch das Klärwerk schützt. Vorgesehen ist, dass der 1,4 Kilometer lange Deich um rund einen Meter erhöht wird. Der schützt das Klärwerk vor einer besonders großen Flut wie 2002.

Die weitere Vorsorge: Pandemie-Lager und Schutz vor Cyberkriminellen

„Wir haben auch entsprechende Konzepte für den Fall einer Pandemie“, erläutert Strothteicher. Bei der Corona-Pandemie ab 2020 wurden sie umgesetzt und weiterentwickelt. Denn der ordnungsgemäße Betrieb muss in jeder Krise aufrechterhalten werden. So gibt es ein Pandemielager, in dem unter anderem Schutzmasken, Handschuhe, Einweganzüge und Desinfektionsmittel eingelagert sind.

Zudem sind Cyberkriminelle in den vergangenen Jahren immer professioneller geworden. „Wir arbeiten daran, es den Angreifern möglichst schwer zu machen und im Schadensfall die Auswirkungen möglichst gering zu halten“, sagt Geschäftsführer Strothteicher.

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