Rubrik Bau(en) & Städtegestaltung

Potsdams grüne Lunge ringt um Luft: Drees & Sommer entwickelt Landschaftskonzept am Telegrafenberg

19.08.2025 – Lesezeit ca. 4 Minuten 61

Potsdams grüne Lunge ringt um Luft: Drees & Sommer entwickelt Landschaftskonzept am Telegrafenberg

Der Schein trügt: Obwohl die Bäume auf dem Telegrafenberg in Potsdam in sattem Grün erstrahlen, ist der Bestand infolge von Hitze und Trockenheit bereits zu 78 Prozent geschädigt. Ein Landschaftskonzept soll den Campus klimaresilient, biodivers und nachhaltig gestalten. © Drees & Sommer SE

Das Jahr 2024 war das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – Erstmals lag die globale Durchschnittstemperatur im gesamten Jahr mehr als 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau[i]. Die Auswirkungen sind gravierend: Extreme Hitzewellen und langanhaltende Dürreperioden nehmen zu. Auch der Telegrafenberg in Potsdam bleibt nicht verschont. Durch Hitze und Trockenheit gelten rund 78 Prozent der Bäume auf dem Gelände als geschädigt. Um den traditionsreichen Wissenschaftsstandort zukunftsfähig zu gestalten, entwickelt das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierte Beratungsunternehmen Drees & Sommer mit Hauptsitz in Stuttgart für das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung ein umfassendes Landschaftskonzept.

Der Telegrafenberg in Potsdam ist ein Ort von besonderer Bedeutung: Auf dem 27 Hektar großen parkähnlichen Gelände sind renommierte Forschungseinrichtungen wie das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beheimatet – mit einer Tradition, die rund 150 Jahre zurückreicht. Ähnlich alt oder sogar noch älter sind viele der großen Bäume, die hier wachsen. „Seit Jahren beobachten wir auch hier die Folgen des Klimawandels – insbesondere der Baumbestand leidet zunehmend unter steigenden Temperaturen und Trockenheit. Mit dem neuen Landschaftskonzept soll der Telegrafenberg als Grünraum bewahrt werden“, sagt Dr. Knut Kaiser, Nachhaltigkeitsbeauftragter des GFZ. „So setzen wir Maßnahmen für Klimaanpassung, Biodiversität und einen stabilen Wasserhaushalt um und sichern zugleich dauerhaft die Attraktivität und Funktionalität des Campus“, so Kaiser.

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Vielfältige Lebensräume als ökologisches Potenzial

Die artenreiche Vegetation des Telegrafenbergs bildet die Grundlage für ein vielfältiges Ökosystem. „Unterschiedlichste Ausprägungen – von lichtem Kiefernwald über Sandmagerrasen bis hin zu naturnaher Gehölzstruktur – schaffen wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Besonders hervorzuheben sind zwei Maiglöckchenbestände, die im Frühjahr durch ihre Blüte nicht nur optische Akzente setzen, sondern auch ökologisch bedeutsam sind”, so Ramona Giese, Projektleiterin sowie Wasser- und Klimaexpertin bei Drees & Sommer. Beobachtungen von Tagpfauenaugen, Spechten, Feldmaikäfern sowie der seltenen Eidechsenart Klaiber verdeutlichen den naturschutzfachlichen Wert des Gebiets. Zudem wurden verschiedene Arten nachgewiesen, die auf der Vorwarnliste oder der Roten Liste geführt werden. Besonders bemerkenswert: Ausgehend von am Ende des 19. Jahrhunderts im damaligen Observatorium angepflanzten ,Mutterbäumen‘ hat sich hier in über einhundert Jahren ein Eibenbestand von nunmehr etwa 2000 zumeist jüngeren Individuen entwickelt. Es handelt sich um eines der größten Vorkommen in Nordostdeutschland.

Ganzheitliche Planung für einen klimaresilienten Forschungscampus

Als bedeutende Kaltluftschneise trägt der Telegrafenberg maßgeblich zur Verbesserung des Stadtklimas in Potsdam bei, fungiert als wichtige Versickerungsfläche für Regenwasser und grenzt unmittelbar an Landschafts- sowie Trinkwasserschutzgebiete. „Die vielfältige Baumvegetation nimmt einen großen Teil des Geländes ein und ist immens gefährdet“, sagt Ramona Giese. „Um dem entgegenzuwirken und den Standort auf die Herausforderungen des Klimawandels vorzubereiten, ist zunächst eine umfassende Bestandsaufnahme erforderlich“, so die Expertin von Drees & Sommer weiter. Dazu gehören eine Analyse der historischen Landschaftsentwicklung, eine geobotanische Untersuchung der aktuellen Vegetation sowie eine Bewertung der Flächennutzung.

Giese und ihr Team von Drees & Sommer analysieren zudem die Wasser- und Nährstoffspeicherkapazität der Böden. Ziel ist es, das Risiko von Vegetationsbränden zu minimieren, die nachhaltige Nutzung von Biomasse zu prüfen und den Gesundheitszustand des Waldes langfristig zu sichern. „Durch steigende Temperaturen und längere Trockenphasen fehlt den Bäumen zunehmend Wasser. Sie trocknen aus und sterben ab“, erklärt Giese. Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt daher auf der Weiterentwicklung des bestehenden Regenwasserkonzepts: Es sollen Maßnahmen erarbeitet werden, wie Regenwasser effizienter versickern oder gesammelt und genutzt werden kann – etwa um die ökologische Resilienz zu verbessern und Starkregenfolgen zu vermeiden.

Ein Blick in die digitale Glaskugel

Damit das Wassermanagement künftig gut funktioniert, setzt Ramona Giese auf ein breites Spektrum an Analyseinstrumenten: „Mithilfe des Geoinformationssystems Scalgo lassen sich beispielsweise Oberflächenabflüsse darstellen und potenzielle Überflutungsrisiken simulieren.“ In diesem Zusammenhang werden verschiedene Ansätze zur Weiterentwicklung der bestehenden dezentralen Regenwasserbewirtschaftung geprüft. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der verstärkten Nutzung des vorhandenen Wasserdargebots.

Gegensätze vereinen

„Unser Ziel ist es, den grünen Campus zu erhalten. Das bedeutet, scheinbare Gegensätze in Einklang zu bringen: den Erhalt historischer Strukturen mit der notwendigen Anpassung an den Klimawandel, die sorgfältige Pflege der Anlagen mit dem Schutz der Artenvielfalt sowie die Nutzungsansprüche mit der Bewahrung sensibler Vegetation“, sagt Knut Kaiser vom GFZ. Bis April 2026 sollen die Untersuchungen durch Drees & Sommer abgeschlossen und das Landschaftskonzept endgültig ausgearbeitet sein.

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