Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Januar / Februar 2025 der gedruckten Kommunalwirtschaft abgedruckt.

Rubrik Wasser / Abwasser

Gütesicherung bei Stadtentwässerungsbetrieben Köln (StEB Köln) gesetzt

Qualität fordern, langlebig bauen

20.11.2024 – Lesezeit ca. 6 Minuten 56

Qualität fordern, langlebig bauen

Das erste zusammenhängende Kanalnetz in Köln stammt aus der Epoche der römischen Stadtgeschichte. Nach der weitestgehenden Zerstörung der Anlagen gab es in Köln über Jahrhunderte kein erkennbares System der Abwasserentsorgung, sondern nur dezentrale individuelle Lösungen. Erst die rasch fortschreitende Industrialisierung und die damit einhergehende Bevölkerungsexplosion zum Ende des 19. Jahrhunderts läuteten den Beginn der modernen Stadtentwässerung ein. Carl ­Steuernagel – seit 1881 verantwortlicher Planer in Köln – entwickelte ein umfassendes System der Stadtentwässerung, das in seinen Grundzügen bis heute Bestand hat. Um den gewachsenen Anforderungen der Abwasserbeseitigung und des Umweltschutzes bis ins Jahr 2000 gerecht zu werden, entwickelte das Amt für Stadtentwässerung Mitte der 1980er Jahre das umfassende Abwasserbeseitigungskonzept „ABK 2000“.
Im Jahr 2001 wurde das Amt für Stadtentwässerung der Stadt Köln zum kommunalen Unternehmen „Stadtentwässerungsbetriebe Köln, Anstalt öffentlichen Rechts der Stadt Köln (StEB Köln, AöR), umstrukturiert. Die Leistungen der StEB Köln umfassen die Abwassersammlung und -reinigung, die Überflutungsvorsorge bei Hochwasser und Starkregen sowie die Pflege und Verbesserung der Gewässer (Bäche und Weiher) in Köln. Zu den abwassertechnischen Anlagen im rund 2.400 km langen Kölner Kanalnetz gehören fünf Klärwerke, mehr als 100.000 Straßenabläufe und rund 60.000 Kanalschächte, 150 Pumpanlagen, 200 Regenbecken sowie mehr als 1.000 Hochwasser- und Betriebsschieber. Bei einem Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro jährlich werden über 100 Millionen Euro in die Abwasserbeseitigung investiert.

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Im folgenden Interview äußert sich Dipl.-Ing. Uwe Widerek, Abteilungsleiter Planung und Bau Netze, über Aufgaben und Ziele bei der Anpassung des Kölner Kanalnetzes an die sich wandelnden Versorgungsaufgaben.

Herr Widerek, wie ist es um die Qualität des Kölner Kanalnetzes bestellt?

Uwe Widerek: In Köln wird großer Wert auf die Qualität und die Langlebigkeit des Kanalnetzes gelegt. Das ist sicherlich auch historisch gewachsen und vor dem Hintergrund der städtebaulichen Entwicklung zu sehen. So finden sich im Untergrund infrastrukturelle Anlagen, die noch aus der Römerzeit stammen. Bei der meist recht engen Bebauung im Zentrum und den damit verbundenen komplexen Tiefbaumaßnahmen liegt der Fokus eindeutig auf einer fachgerechten Planung und Ausführung mit qualitativ hochwertigen Verfahren und Produkten, um die Basis für eine lange Lebensdauer des Netzes zu schaffen. Zwei aktuelle Großbaumaßnahmen mit einem Budget von jeweils über 100 Millionen Euro sind hierfür beispielhaft. Die eine ist der Neubau des Rheindükers, der die linksrheinischen Stadtteile einschließlich der Innenstadt mit dem rechtsrheinischen Großklärwerk verbindet. Auf dem Großklärwerk in Köln-Stammheim werden mehr als 80 % des Kölner Abwassers gereinigt. Der neue Düker kann zukünftig 6.000 Liter Abwasser pro Sekunde transportieren – eineinhalbmal so viel wie bisher. Außerdem verfügt er über eine hydraulische Steuerung. Damit können die Abflussmengen zukünftig an die Kapazitäten des Großklärwerks Stammheim angepasst werden, was eine effizientere und ressourcenschonendere Abwasserreinigung ermöglicht. So schafft der neue Rheindüker ausreichende Kapazitäten im Kölner Abwassersystem mit einer sicheren Ableitung für mindestens ein weiteres Jahrhundert. Das zweite Großprojekt ist der Neubau eines Entwässerungssystems der Stadtteile Esch, Pesch und Auweiler. Mit dem Bauvorhaben werden wesentliche Teile des Entwässerungssystems von Esch, Pesch und Auweiler auf den neuesten Stand der Technik gebracht und die Abwasserentsorgung für die nächsten Jahrzehnte sichergestellt.

Wann und wo haben Sie persönlich das RAL-Gütezeichen Kanalbau das erste Mal wahrgenommen?

Widerek: Ich habe als junger Planer Mitte der 1990er Jahre in einem Ingenieurbüro im Sauerland Planungen im Abwasserbereich für die dortigen Kommunen durchgeführt. Damals habe ich das Gütezeichen zum ersten Mal bewusst wahrgenommen und seitdem hat es mich in den verschiedenen Stationen meines Berufslebens immer wieder begleitet.

Was ist für Sie das Besondere an der Gütesicherung ­Kanalbau?

Widerek: Es handelt sich um ein neutrales System, das von Auftraggebern und Auftragnehmern gemeinsam in ihrem Interesse permanent weiterentwickelt wird und dessen Anforderungen in puncto Planung, Ausschreibung, Auftragsvergabe, Ausführung und Bauüberwachung die Voraussetzung für qualitativ hochwertigen und langlebigen Kanalbau schafft.

Inwieweit nutzt StEB Köln die Gütesicherung Kanalbau bzw. profitiert von ihr?

Widerek: Die Stadtentwässerung ist seit 1998 Mitglied im Güteschutz Kanalbau. Wir nutzen die Gütesicherung in vielerlei Hinsicht. So etwa bei der Prüfung der fachlichen Eignung eines Bieters im Vergabeverfahren, indem wir einen Fachkundenachweis fordern, aber auch bei der Qualitätssicherung auf der Baustelle.

Außerdem schätzen die Mitarbeitenden in meiner Abteilung die Angebote zum Informationsaustausch und nehmen an Veranstaltungen der Gütegemeinschaft teil. Diese Kolleginnen und Kollegen bringen mit hoher Fachkompentenz und Einsatzbereitschaft die derzeit weit über 100 Planungs- und Bauprojekte im Kanalbau, im Hochwasserschutz und an den Kölner Fließgewässern voran. Ebenso informativ sind die Angebote auf der Website der Gütegemeinschaft, zum Beispiel im Hinblick auf Dokumente aus dem Bereich der Regelwerke und Normen. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: Aufgrund des demografischen Wandels und des derzeitigen Fachkräftemangels ist die Bindung der Mitarbeitenden, die Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden und deren Qualifizierung eine über die Planungs- und Bauprojekte hinausgehende Herausforderung. Auch hier erhalten wir Unterstützung von der Gütegemeinschaft Kanalbau.

Bekommt in Köln der billigste Bieter den Zuschlag?

Widerek: Natürlich sind wir als öffentlicher Auftraggeber an wirtschaftlichen Angeboten interessiert. Wir sind gebührenfinanziert und alles was wir tun, muss der Bürger im Endeffekt bezahlen. Deshalb haben wir die Wirtschaftlichkeit eines Angebotes im Blick. Allerdings nehmen wir nicht per se den billigsten Bieter, sondern entscheiden uns für das wirtschaftlichste Angebot aus dem Kreis derer, die einen Fachkundenachweis vorlegen.

Welche Rolle spielt die Gütesicherung Kanalbau in Bezug auf Umwelt und Gebührenhöhe?

Widerek: Die Gütesicherung leistet einen wesentlichen Beitrag zu einer qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Entwicklung unserer Kanalisation. Die auf Basis der vereinbarten Standards ausgeschriebenen Maßnahmen brauchen zudem wirtschaftlich keinerlei Vergleich zu scheuen. So trägt der Güteschutz in nicht unerheblichem Maß zu einer intakten Umwelt, günstigen Gebühren und einer funktionierenden Infrastruktur bei.

Worin bestehen für Sie die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte?

Widerek: Die Aufgaben der Stadtentwässerung verändern sich ständig. Abwassersammeln und -reinigen waren und sind wichtige Aufgaben, aber die Herausforderungen werden in Zukunft weit darüber hinausgehen. Wir werden deshalb immer mehr interdisziplinär agieren und dabei neben den klassischen Kanalnetzen alle energetischen Infrastrukturen im Blick haben und unter Beachtung einer wasserbewussten Stadtentwicklung und Begriffen wie Schwammstadt oder blau-grüner Stadt entsprechende Konzepte umsetzen – unter anderem mit Blick auf das Wohl der Bürgerinnen und Bürger, auf Nachhaltigkeitsaspekte und die Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Widerek.

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