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Rubrik Wasser / Abwasser

Wasser europäisch denken – jetzt!

Von Oliver Hermes – 24.09.2024 – Lesezeit ca. 7 Minuten 63

Wasser europäisch denken – jetzt!

Eine ganzheitliche Wasserstrategie und ihre konsequente Umsetzung in Form eines Blue Deals würde Europa nicht nur besser auf die zunehmende Wasserknappheit vorbereiten. Sie schafft das positive Narrativ, das Europa gerade jetzt so dringend braucht. Ein Essay.

Mit der Europawahl 2024 ist eine Welle des Nationalismus, Protektionismus und Populismus aus den EU-Mitgliedsstaaten nach Straßburg und Brüssel geschwappt – und damit auch Europaskepsis, ja, sogar Europafeindlichkeit. Die EU-Kommission steht in den kommenden fünf Jahren vor der großen Herausforderung, den rechten Kritikerinnen und Kritikern im Parlament etwas entgegenzusetzen. Nur so kann die EU ihren eigenen Zerfall aufhalten und Europa als Wertegemeinschaft und Wirtschaftsraum langfristig retten.

Andererseits bedeutet dies auch eine große Chance. Die EU könnte die Krise nutzen, um sich zu reformieren und ein neues, positives Narrativ zu schaffen. Schlägt also gerade jetzt Europas Stunde?

Unstrittig ist, dass dies am ehesten im Bereich der kritischen Infrastrukturen gelingen könnte. Indem die EU hier mehr Verantwortung übernimmt, gewinnt sie an Souveränität und damit an Bedeutung im Leben der Europäerinnen und Europäer. Doch greift die Diskussion bislang viel zu kurz! Wir dürfen unter kritischer Infrastruktur nicht mehr länger nur die – zweifellos hochrelevanten – Sektoren Verteidigung, Gesundheit und Energie verstehen, sondern müssen endlich auch den Sektor Wasser bedenken. Es gilt: Ohne Wasser kein Leben. Und ohne Anstrengungen im Bereich der Wasserinfrastruktur keine europäische Souveränität.

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Der Wassermangel ist längst auch ein europäisches Problem

Die Erarbeitung einer europäischen Wasserstrategie und die konsequente Umsetzung dieser in Form eines Blue Deals ist also ein Teil der Antwort, die die EU nach der Wahl Anfang Juni sucht. Denn darin liegt die Chance auf ein gemeinsames ambitioniertes Großprojekt, das den Nukleus der europäischen Idee betrifft: die Solidarität der Länder Europas untereinander. Zwischen den reichen und den armen. Zwischen den großen und den kleinen. Vor allem aber: zwischen den wasserreichen und den wasserarmen.

Die Forderungen nach gemeinsamen europäischen Anstrengungen im Bereich Wasser und nach einem Blue Deal, begrifflich angelehnt an den europäischen Green Deal, sind nicht neu. Noch im September 2023 kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Wasser-Resilienz-Initiative an. Anfang des Jahres dann strich die Kommission das Thema von ihrer Agenda. In einem offenen Brief forderten zahlreiche Verbände und Institutionen, etwa die European Water Association (EWA), die Kommission infolgedessen auf, die Arbeit an der Initiative dringend wieder aufzunehmen und ihr höchste Priorität einzuräumen.

Mit der öffentlichen Antwort auf diesen Appell ließ sich Ursula von der Leyen Zeit. Mitte Juli legte sie eine 31 Seiten lange politische Vision für die nächsten fünf Jahre vor, mit der sich die mächtigste Frau der EU um ihre Wiederwahl bewarb. In nur wenigen Absätzen skizziert sie darin ihre Antwort auf den Megatrend Wasserknappheit. „Wir brauchen eine neue europäische Wasser-Resilienz-Strategie“, verspricht von der Leyen. Wie die konkrete Ausgestaltung dieser Strategie aussieht? Was die nächsten Schritte sind? Unklar. Kurz vor der Veröffentlichung richteten sich zudem zahlreiche Umweltministerinnen und -minister der EU in einem gemeinsamen Brief an die Kommission. Sie forderten eindringlich, Wasser mehr politische Priorität einzuräumen.

Dass der Druck auf die EU erheblich zunimmt, kann jedoch niemanden überraschen. Die Wasserknappheit ist längst auch ein europäisches Problem. Das zeigen die Bilder von großflächigen Waldbränden, die uns in regelmäßigen Abständen aus Südeuropa erreichen. Allein im vergangenen Jahr sind in Spanien 91.000 Hektar Land verbrannt, in Katalonien herrscht seit drei Jahren akuter Wassermangel. Der Weltklimarat prognostiziert, dass im Jahr 2070 insgesamt 44 Millionen Europäerinnen und Europäer davon betroffen sind. Dann könnten Flüsse in Zentral- und Südeuropa bis zu 80 Prozent weniger Wasser führen.

Entsprechend alarmierend ist ein Blick in den Wasser-Risiko-Atlas des World Resource Institutes: Schon heute ist ein großer Teil Südeuropas feuerrot eingefärbt. In den kommenden Jahrzehnten aber „frisst“ sich das Wasser-Risiko von Süden aus in Richtung Norden hoch, bedingt insbesondere durch die Wasserknappheit. Unterstrichen wurde dies erst kürzlich durch die Europäische Umweltagentur. Ihre Klimarisikobewertung stellt 36 Hauptrisiken heraus. Besonders der Wassermangel sticht hervor.

Europa muss überlegt, solidarisch und ambitioniert vorgehen

Kurzum: Die Fakten liegen auf dem Tisch – eine europäische Antwort auf die Wasserknappheit drängt! Offen ist die Frage, wann die politischen Entscheiderinnen und Entscheider die Dringlichkeit des Problems erkennen. Und vor allem, wie eine europäische Lösung für das Wasserproblem auszugestalten ist.

Sicher ist, dass der Plan von vornherein auf einer Strategie fußen muss, die diese Bezeichnung verdient. Die Wasserkrise muss mit langfristigen Konzepten bekämpft werden – Schnellschüsse und Aktivismus sind unangebracht. Deshalb ist es wichtig, die europäische Wasserstrategie als Teil einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie zu verstehen, der sich alle funktionalen politischen Strategien der EU unterordnen müssen.

Klar ist ebenso, dass die Verantwortung für die Ausarbeitung und Umsetzung der Strategie und des Blue Deals auf europäischer Ebene liegen muss – es ist förmlich eine Grundvoraussetzung! Zum Scheitern verurteilt wäre ein solcher Aufschlag, wenn er in Kleinstaaterei enden würde. Den Kommunen darf daher nicht die Verantwortung übertragen werden. Und auch die Nationalstaaten müssen in diesem Fall einen Teil ihrer Mitbestimmung zugunsten der europäischen Gemeinschaft aufgeben.

Dass sich die EU bei der Ausarbeitung nicht mehr allzu viel Zeit lassen darf, zeigen bereits existierende Strategie-Initiativen. Die Bundesrepublik Deutschland hat die EU längst mit einer nationalen Wasserstrategie überholt. Selbst die deutschen Bundesländer Berlin und Brandenburg haben kürzlich bekannt gegeben, eine gemeinsame Wasserstrategie auszuarbeiten. Ein Geflecht nationaler, regionaler, ja, sogar lokaler Wasserstrategien droht zu entstehen, deren Harmonisierung mit der Zeit immer komplexer wird. Ganz davon abgesehen, dass es immer schwieriger werden dürfte, Mehrheiten für eine solidarische EU-Wasserlösung zu finden, wenn sich die Wasserknappheit erst in heute wasserreichen Gebieten ausgebreitet hat.

Denkverbote darf es angesichts des Ausmaßes der Wasserkrise nicht geben. Ziel der Wasserstrategie muss einerseits sein, die gesamte europäische Wasserinfrastruktur bis 2050 zu harmonisieren. Doch es geht um mehr. Wir sollten uns sogar vornehmen, Wasser in langen Fernleitungen aus dem wasserreichen Norden in den wasserarmen Süden Europas zu transportieren. Schließlich kann nur so eine solidarische Umverteilung der Wasserressourcen gelingen.

Um zu erkennen, dass dies technisch möglich ist, muss man Europa nicht verlassen. Zwar zeigen derzeit insbesondere visionäre Großprojekte in Nordafrika, etwa das Toshka-Projekt in Ägypten und das Sebou-Projekt in Marokko, eindrucksvoll, wie die Wasserdistribution über weite Entfernungen gelingen kann. Doch auch in Großbritannien entstand ein faszinierendes Wasser-Projekt: Im Rahmen der Strategic Pipeline Alliance (SPA) werden Hunderte Kilometer Rohrleitungen errichtet, durch die Wasser aus Gebieten mit Überschuss in Gebiete mit Defizit geleitet wird.

Skaliert man diese Idee hoch, entsteht ein europäisches Fernwassernetz – und damit unweigerlich ein europäischer Wassermarkt. Eine überfällige Reform, bedenkt man, dass wir Strom, Gas und Telekommunikation längst europäisch denken.

Natürlich dürfen die Ideen nicht bei Wasserleitungen enden, die quer durch den Kontinent führen. Der Blue Deal muss größer und ganzheitlicher konstruiert sein. Die Modernisierung alter, ineffizienter Wasserinfrastrukturen, das Schwammstadt-Konzept, die clevere Aufbereitung und Nutzung von Abwasser, auch unter Einbezug der vierten Reinigungsstufe zur Eliminierung von Spurenstoffen, müssen Teil einer zeitgemäßen und zukunftsgerichteten Antwort sein.

Es ist Zeit für ein historisches Projekt

Wasser ist das wichtigste Lebensmittel der Welt. Der Wassermangel ist daher eine existenzielle Bedrohung. Welche Projekte also wären besser geeignet, um Europa zu einen, europäische Solidarität in die Tat umzusetzen und den Kontinent gleichzeitig für die Wasserrisiken der Zukunft zu wappnen – als eine ganzheitliche europäische Wasserstrategie und der Blue Deal? Der Europäischen Union käme in Zeiten der fortschreitenden Wasserknappheit die Rolle als solidarische Verteilerin der wichtigsten und existenziellsten Ressource zu. Ein historisches Projekt würde seinen Anfang nehmen, das auch für andere Regionen der Welt als Blaupause dienen könnte.

Schon die alten Römer haben gezeigt, welche Mühen man für die lebenswichtige Ressource Wasser auf sich nehmen muss. Sie planten, bauten und betrieben Aquädukte, um Wasser zu transportieren. Bis heute fasziniert uns, wie robust und ausgefeilt die Bauwerke sind. Mit ähnlichem Schneid muss Brüssel nun, tausende Jahre später, ans Werk gehen, um Europa wassersicherer, solidarischer, geeinter zu gestalten. Und um die EU-Skeptikerinnen und -Skeptiker auf ihre Plätze zu verweisen.


Oliver Hermes ist Vorstandsvorsitzender und CEO der Wilo Gruppe, Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Familienunternehmen, Mitglied des Kuratoriums des Deutschen Nachhaltigkeitspreises (DNP), Mitglied des Präsidiums des Nah- und Mittelost-Vereins e.V. (NUMOV) und Mitglied des Vorstandes des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft sowie der Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI). Er ist Essayist mit Beiträgen, die in unabhängigen Medien publiziert werden. Der Autor gibt seine eigene Meinung wieder.

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