Städte und Kommunen sollen digitaler, schneller und bürgernäher werden. Doch vielerorts bremsen Insellösungen, Medienbrüche und gewachsene IT-Strukturen den Fortschritt aus. Entscheidend ist deshalb nicht mehr nur Digitalisierung, sondern ihr Zusammenspiel in durchgängigen Prozessen. Genau darin liegt der Schlüssel für ein digitales Rathaus, das Verwaltungsabläufe spürbar vereinfacht, den Service für Bürger:innen verbessert und zugleich den gesetzlichen Anforderungen gerecht wird.
Von der Fragmentierung zur Orchestrierung
Für viele Bürger:innen ist der Kontakt mit der Verwaltung noch immer umständlich: Ein Antrag wird online gestartet, dann folgt der Gang zum Amt, später eine Rückfrage per E-Mail oder Post. Was digital beginnt, endet oft in Medienbrüchen, manuellen Zwischenschritten und fehlender Transparenz. Gleichzeitig arbeiten Verwaltungsmitarbeitende häufig mit mehreren Anwendungen parallel – von Fachverfahren über E-Akte bis hin zu Portalen, die kaum aufeinander abgestimmt sind.
Mit dem Onlinezugangsgesetz 2.0 reicht es jedoch nicht mehr aus, einzelne Leistungen digital anzubieten. Gefordert ist vielmehr eine echte Ende-zu-Ende-Digitalisierung: Der Prozess muss vom Antrag über die interne Bearbeitung bis zum Bescheid durchgängig und medienbruchfrei funktionieren.
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Viele Kommunen stehen dabei vor derselben Ausgangslage: gewachsene IT-Strukturen, spezialisierte Fachverfahren und begrenzte Ressourcen. Durch diese starke Belastung der Städte und Kommunen ist es oft kaum möglich, auch noch innovative Neuerungen in den Digitalisierungs-Alltag mit einzubringen. Hinzu kommen unterschiedliche Systeme wie E-Akte, Dokumentenmanagement, ERP- oder Portallösungen, die oft nur begrenzt miteinander verknüpfbar sind. Ein kompletter Austausch dieser Landschaft ist meist keine realistische Option. Sinnvoller ist es, bestehende Systeme zu verbinden und zentral zu orchestrieren. Auf diese Weise entsteht aus vielen Einzellösungen ein steuerbarer Gesamtprozess.
Für Bürger:innen heißt das: digitale Services aus einem Guss, mehr Transparenz über den Bearbeitungsstand und weniger doppelte Dateneingaben, da persönliche Angaben im Rahmen der datenschutzrechtlichen Vorgaben nur einmal erfasst und für weitere Leistungen genutzt werden können. Für die Verwaltung bedeutet das vor allem: weniger manuelle Zwischenschritte, weniger Systemwechsel und besser nachvollziehbare Abläufe.
Von der Digitalisierung zur intelligenten Automatisierung
Doch Digitalisierung allein reicht nicht mehr aus. Der nächste Schritt besteht darin, Abläufe nicht nur digital abzubilden, sondern sie gezielt intelligenter zu machen. Genau hier kommt KI ins Spiel, allerdings nicht als isolierte Einzellösung oder zusätzliches Experiment neben bestehenden Abläufen. Ihr Mehrwert entfaltet sich dort, wo sie in konkrete Fachverfahren eingebettet ist. Denn KI funktioniert am besten im Prozess. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt ein Anwendungsfall, den viele Kommunen kennen: digitale Mängelmeldungen. Bürgerinnen und Bürger fotografieren ein Schlagloch oder eine beschädigte Straßenlampe und laden das Bild hoch. Häufig landen solche Meldungen zunächst in Listen und müssen manuell gesichtet, bewertet und weitergeleitet werden.
Mit prozessintegrierter KI läuft dieser Ablauf deutlich effizienter. Die KI analysiert das Bildmaterial, prüft, ob ein plausibler Schadensfall vorliegt, und kann offensichtlich fehlerhafte oder missbräuchliche Meldungen frühzeitig herausfiltern. Berechtigte Hinweise werden automatisch an den zuständigen Fachbereich oder externe Dienstleister weitergeleitet. Das entlastet Mitarbeitende, verkürzt Reaktionszeiten und verbessert die Bearbeitungsqualität.
Entscheidend ist dabei: Die KI agiert nicht losgelöst, sondern innerhalb eines transparenten und kontrollierten Workflows. Jeder Bearbeitungsschritt bleibt dokumentiert, nachvollziehbar und auditierbar.
Das Fundament: Daten und Governance
Damit KI zuverlässig in Verwaltungsprozessen arbeiten kann, benötigt sie verlässliche Datenquellen. In vielen Kommunen sind diese Informationen jedoch auf unterschiedliche Systeme verteilt. Eine Möglichkeit, diese Silos aufzubrechen, ist eine Data-Fabric: Sie fungiert als virtuelle Datenschicht über bestehenden Systemen und ermöglicht einen einheitlichen Zugriff auf konsolidierte, qualitätsgesicherte Informationen aus verschiedenen Quellen. So lassen sich Daten systemübergreifend nutzbar machen und in Prozesse einbinden, ohne bestehende Fachverfahren ersetzen zu müssen. Gleichzeitig bleiben sie unter der Kontrolle der jeweiligen Behörde, werden nicht für externes KI-Training genutzt, und jede KI-gestützte Aktion wird protokolliert. Das schafft die Transparenz und rechtliche Nachvollziehbarkeit, die Kommunen für den Einsatz von KI benötigen.
Wo Kommunen schnell Mehrwert schaffen können
Wie konkret ein plattformbasierter Ansatz mit prozessintegrierter KI aussehen kann, zeigt sich in weiteren typischen Anwendungsfeldern kommunaler Verwaltung. Besonders dort, wo viele Anfragen eingehen, Informationen geprüft und Vorgänge zwischen mehreren Stellen koordiniert werden müssen, lassen sich Abläufe spürbar vereinfachen und beschleunigen.
- Digitale Antrags- und Reservierungsprozesse: Ob die Reservierung städtischer Räume, die Beantragung von Genehmigungen oder die Anforderung von Bescheinigungen: Viele Leistungen lassen sich über ein zentrales Portal bündeln und medienbruchfrei steuern. Automatisierte Prüfschritte können dabei etwa Angaben zum Wohnort, den Bearbeitungsstatus oder offene Gebühren einbeziehen. Das schafft mehr Transparenz für Bürger:innen und entlastet die Verwaltung bei standardisierten Vorgängen.
- Unterstützung bei der Antragstellung durch Chatbots: Intelligente Chatbots können Bürger:innen durch einzelne Verfahrensschritte führen, häufige Fragen beantworten und die für einen Antrag benötigten Angaben strukturiert abfragen. So werden Anträge vollständiger eingereicht, Rückfragen reduziert und Mitarbeitende von wiederkehrenden Standardanliegen entlastet.
- Vollständigkeitsprüfung bei Anlagen: Gerade bei Förderanträgen – etwa für Investitionen in Schulen oder andere kommunale Vorhaben – müssen häufig zahlreiche Nachweise und Unterlagen eingereicht werden. KI kann hier unterstützen, indem sie prüft, ob Dokumente vollständig vorliegen, formale Anforderungen erfüllt sind und Angaben zueinander passen.
- Bürgerbeteiligung und Feedback-Schleifen: Auch Beteiligungsformate lassen sich digital deutlich effizienter organisieren. Online-Umfragen, Feedbackformate oder digitale Meldestellen für Anliegen aus der Bürgerschaft können zentral erfasst, ausgewertet und direkt an die zuständigen Fachbereiche weitergeleitet werden. So entstehen nachvollziehbare Rückkopplungsprozesse statt isolierter Einzelrückmeldungen.
- Schrittweise vorgehen, gezielt skalieren
Für die Einführung von KI und Automatisierung in der Verwaltung ist vor allem Realismus gefragt: Nicht alles muss vom ersten Tag an vollständig automatisiert sein. Erfolgversprechender ist ein schrittweises Vorgehen. Kommunen starten mit einem klar abgegrenzten Anwendungsfall, sammeln Erfahrungen im laufenden Betrieb und entwickeln ihre Prozesse auf dieser Grundlage gezielt weiter. So entsteht Vertrauen bei Mitarbeitenden, in der Verwaltungsspitze und nicht zuletzt auch bei Bürger:innen.
Ist die technologische Basis einmal geschaffen, lassen sich weitere Verfahren und digitale Services deutlich schneller ergänzen. Bestehende Bausteine, Integrationen und Prozesslogiken können wiederverwendet werden, anstatt jedes Vorhaben neu aufzusetzen. Das verkürzt Umsetzungszeiten und verbessert die Wirtschaftlichkeit.
Fünf Handlungsempfehlungen für die Praxis
Damit Kommunen KI nicht nur erproben, sondern tragfähig in ihre Verwaltungsmodernisierung integrieren können, braucht es mehr als einzelne Pilotprojekte. Entscheidend ist ein strategischer Rahmen, der technologische, organisatorische und regulatorische Anforderungen gleichermaßen berücksichtigt.
Erstens: Skalierung durch Kooperation. Gerade kleinere und mittlere Kommunen werden nicht jede technologische Grundlage allein schaffen können. Daher sollten sie sich an regionalen oder bundesweiten Plattformen beteiligen – etwa GovDigital oder länderspezifischen Cloud-Lösungen. So lassen sich die hohen Initialkosten und technologischen Anforderungen bewältigen.
Zweitens: Datenqualität als Voraussetzung verstehen. KI kann nur so gut arbeiten wie die Daten, auf die sie zugreift. Deshalb sind Registermodernisierung, Datenqualität und interoperable Datenstrukturen keine Nebenaufgabe, sondern eine zentrale Voraussetzung für belastbare Ergebnisse und funktionierende Automatisierung.
Drittens: Human-in-the-Loop fest verankern. Auch wenn sich Prozesse zunehmend automatisieren lassen, muss die Verantwortung bei qualifizierten Mitarbeitenden verankert bleiben. KI sollte unterstützen, vorbereiten und entlasten und nicht unkontrolliert entscheiden.
Viertens: Transparenz und Vertrauen aktiv herstellen. Der Einsatz von KI muss gegenüber Bürgern und Belegschaft offen kommuniziert werden. Kennzeichnungspflichten und ethische Leitlinien sind hierbei unverzichtbar, um die Akzeptanz zu sichern und Vertrauen in die Verwaltung zu bewahren.
Fünftens: regulatorische Anforderungen frühzeitig mitdenken: Wer KI in der Verwaltung einführt, muss rechtliche Vorgaben bereits in der Konzeptionsphase berücksichtigen. Dazu zählen auch die Anforderungen des EU AI Act, insbesondere in sensiblen oder potenziell hochriskanten Anwendungsfeldern wie Sozialwesen oder Sicherheit. Frühzeitige Compliance erleichtert die Umsetzung und reduziert späteren Anpassungsaufwand.
Von der Pflichtaufgabe zur Modernisierungschance
Für Städte und Kommunen ist Verwaltungsdigitalisierung längst keine optionale Zukunftsaufgabe mehr. Entscheidend ist jedoch, wie sie umgesetzt wird: Nicht isolierte Insellösungen, sondern durchgängige Prozesse, eine verlässliche Datenbasis und klar eingebettete KI-Anwendungen schaffen die Grundlage für ein digitales Rathaus, das im Alltag tatsächlich funktioniert.
Wer bestehende Systeme intelligent verbindet, Automatisierung schrittweise aufbaut und Governance von Anfang an mitdenkt, kann Verwaltungsabläufe spürbar vereinfachen, Mitarbeitende entlasten und den Bürgerservice verbessern. So wird aus gesetzlichem Handlungsdruck nicht nur ein Umsetzungsprojekt, sondern eine echte Chance, kommunale Verwaltung zukunftsfähig aufzustellen.
Über den Autor
Andreas Hock ist Senior Advisory Solution Consultant bei Appian mit Schwerpunkten in Cloud Computing, Composable Business Architecture und der digitalen Transformation durch den Einsatz neuer Technologien wie Verifiable Credentials und KI. In enger Zusammenarbeit mit den Unternehmen, aber auch öffentlichen Einrichtungen entwickelt Hock maßgeschneiderte Lösungen zur effizienten Prozessautomatisierung. Dabei bringt der dienstleistungs- und prozessorientierte Senior IT Professional umfassende Erfahrung in den Bereichen Prozessmanagement, agile Softwareentwicklung sowie im Management organisatorischer Veränderungen ein.
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