Rubrik Wasser / Abwasser

Erfolgreiche Berichte aus der Praxis und bewährte Verfahren stehen im Mittelpunkt des 24. Deutschen Schlauchlinertags

Sonderfall Hausanschlusssanierung – Wenn Standardverfahren an ihre Grenzen stoßen

13.08.2026 – Lesezeit ca. 5 Minuten 179

Das neue entwickelte Verfahren BRAWO® Remote LC ermöglicht die grabenlose Sanierung mit einem Liner direkt aus dem Hauptkanal. (Grafik: BRAWO SYSTEMS GmbH)

Wie lassen sich komplexe Sanierungssituationen wirtschaftlich lösen? Diese Frage gehört zu den thematischen Schwerpunkten des 24. Deutschen Schlauchlinertags am 8. September in Kassel. Ein Beispiel aus Rheda-Wiedenbrück zeigt, dass sich auch Hausanschlussleitungen unter schwierigen Randbedingungen grabenlos sanieren lassen. Dort kommt ein Verfahren zum Einsatz, das den Einbau von Anschlusslinern vom Hauptkanal aus entgegen der Fließrichtung ermöglicht, ohne dass ein Zugang über das Privatgrundstück erforderlich ist.

Kanalsanierungen stehen heute in einem Spannungsfeld aus technischen Anforderungen, wirtschaftlichem Handlungsdruck und der Notwendigkeit, vorhandene Infrastruktur langfristig funktionsfähig zu erhalten. Unterschiedliche Schadensbilder und Randbedingungen vor Ort erfordern eine sorgfältige Bewertung, bevor geeignete Maßnahmen ausgewählt werden. Dabei geht es nicht allein um die Wahl eines Verfahrens, sondern um die Frage, welche Lösung unter den jeweiligen technischen und organisatorischen Voraussetzungen sinnvoll eingesetzt werden kann.

Sanierung in Sonderfällen

Der Deutsche Schlauchlinertag bietet Fachleuten aus Kommunen, Ingenieurbüros und ausführenden Unternehmen jedes Jahr eine Plattform, um Erfahrungen aus der Praxis auszutauschen und unterschiedliche Ansätze der grabenlosen Kanalsanierung zu diskutieren. Einen praxisnahen Einblick in eine besondere Sanierungssituation liefert in diesem Jahr der Vortrag „Anschlussliner vom Hauptkanal in Rheda-Wiedenbrück“ von Dirk Mumm, Leiter Kanalbetrieb & Kanalsanierung, Eigenbetrieb Abwasser der Stadt Rheda-Wiedenbrück (EAW). Im Mittelpunkt steht die Sanierung von Hausanschlussleitungen, wenn klassische Zugänge über Revisionsschächte auf Privatgrundstücken fehlen oder nicht möglich sind.

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Was tun, wenn der Zugang fehlt

Die Sanierung von Hausanschlussleitungen mit Linern über einen Revisionsschacht auf dem Grundstück oder im Gebäude gehört seit vielen Jahren zu den etablierten Verfahren der grabenlosen Kanalsanierung. In der Praxis stehen Kommunen und Betreiber jedoch immer wieder vor der Herausforderung, dass für den in ihrem Zuständigkeitsbereich liegenden Leitungsabschnitt kein nutzbarer Zugang vorhanden ist. Je nach örtlicher Entwässerungssatzung endet die Zuständigkeit an der Grundstücksgrenze oder erst an einem Übergabe- bzw. Revisionsschacht auf dem Privatgrundstück. Fehlt also dieser Zugang oder ist nicht auffindbar – etwa, weil der Schacht überbaut oder überpflastert ist, – lässt sich der Leitungsabschnitt auf herkömmliche Weise nicht mehr grabenlos sanieren. Eine Alternative wäre in diesen Fällen die offene Bauweise. Diese beschränkt sich zwar nur auf den Leitungsabschnitt, der in die Zuständigkeit der Kommune oder des Betreibers fällt, erfordert jedoch Eingriffe in Verkehrsflächen und vorhandene Infrastruktur. Der höhere bauliche Aufwand geht in der Regel mit längeren Bauzeiten und höheren Kosten einher.

Wenn eine Hausanschlussleitung nicht über einen Revisionsschacht saniert werden kann, bleibt häufig nur eine Erneuerung in offener Bauweise. (Bild: Dirk Mumm, Eigenbetrieb Abwasser der Stadt Rheda-Wiedenbrück)

Gegen die Fließrichtung aus dem Hauptkanal

Für genau diese Situationen wurde in den vergangenen Jahren ein Verfahren entwickelt, das den Einbau des Anschlussliners direkt aus dem Hauptkanal gegen die Fließrichtung ermöglicht. Die neue Technik erweitere die Möglichkeiten für die Sanierung von Hausanschlüssen, ersetze die klassische Sanierung über einen Revisionsschacht jedoch nicht, beschreibt Mumm den Anwendungsbereich. „Von schätzungsweise 80 Hausanschlüssen sind es vielleicht 20, bei denen das System angewendet wird.“ Entscheidend sei, dass die jeweiligen Randbedingungen passen – also keine Möglichkeit, den Revisionsschacht zu nutzen oder Situationen, in denen die kommunale Zuständigkeit, wie beispielsweise in Rheda-Wiedenbrück, bereits an der Grundstückgrenze endet. Verständlicherweise sei es nicht möglich, 15 Meter zu sanieren, von denen nur die letzten zwei Meter in die Zuständigkeit des EAW fallen und die restlichen 13 Meter nicht dem EAW gehören, betont Mumm weiter.

Entwicklung unter Praxisbedingungen

Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung des Verfahrens waren praktische Anforderungen aus der kommunalen Sanierung. Um den Schritt vom Labor in die Praxis zu gehen und das neu entwickelte System unter realen Baustellenbedingungen testen zu können, nahm der Hersteller Kontakt zum EAW auf, um geeignete Hausanschlüsse für die Erprobung zu finden. Im Stadtgebiet wurden daraufhin mehrere Hausanschlüsse ausgewählt und die Sanierung fachlich begleitet. Die dabei gewonnenen Erfahrungen flossen wiederum in die Weiterentwicklung des Systems ein. Nach erneuten Praxiserprobungen wurde das Verfahren schließlich für den Markt freigegeben. Aktuell wurde das Verfahren für eine kommunale Kanalsanierungsmaßnahme in Rheda-Wiedenbrück bereits ausgeschrieben.

Technische Voraussetzungen

Die Sanierung eines Hausanschlusses vom Hauptkanal aus umfasst mehr als den eigentlichen Linereinbau. „Die Betrachtung des gesamten Arbeitsablaufs – von der Vorbereitung bis zur abschließenden Kontrolle – ist ein wesentlicher Aspekt des gesamten Prozesses“, beschreibt Mumm das Vorgehen. Vor der Renovierung müssen die Anschlussleitungen vom Hauptkanal aus untersucht und gereinigt werden. Bei Bedarf sind Ablagerungen oder Wurzeleinwuchs zu entfernen. Auch die abschließende Abnahmebefahrung erfolgt über den Hauptkanal. Dafür sind spezielle Inspektions-, Reinigungs- und Frässysteme mit Satellitentechnik erforderlich. Es gehe nicht nur darum, das neue Packersystem zu erwerben, man müsse auch alle Vorarbeiten vom Hauptkanal beherrschen, von der Voruntersuchung über die Reinigung bis zur Abnahmebefahrung, so Mumm.

Ein weiterer technischer Aspekt ist die Aushärtung des Liners. Das vorgestellte Verfahren arbeitet mit Lichthärtung. Im Gegensatz zu warmhärtenden Systemen beginnt die Aushärtung erst nach dem Einbau und dem Einschalten der UV-Lichtquelle. Dadurch lässt sich die Einschränkung der Grundstücksentwässerung während der Arbeiten auf ein vergleichsweise kurzes Zeitfenster reduzieren. Voraussetzung für den Einsatz ist jedoch – wie bei anderen Renovierungsverfahren auch –, dass der Rohrquerschnitt grundsätzlich erhalten ist und sich vorhandene Sanierungshindernisse im Zuge der Vorarbeiten beseitigen lassen.

Das Beispiel aus Rheda-Wiedenbrück verdeutlicht, wie neue Verfahren das Spektrum bewährter Sanierungsstrategien erweitern. „Der unmittelbare Einblick in den Sanierungsalltag von Netzbetreibern ist ein wichtiger Bestandteil unseres Veranstaltungskonzepts“, betont Dr.-Ing. Igor Borovsky, Vorsitzender der Technischen Akademie Hannover e. V. „So wird nachvollziehbar, unter welchen Randbedingungen sich solche Lösungen einsetzen lassen und wo sie bestehende Strategien sinnvoll ergänzen.“

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