Rubrik Verkehr / Mobilität

VDV-Gutachten zeigt, wie NRW seinen ÖPNV bis 2040 stärken kann

Mehr Angebot, bessere Erreichbarkeit

23.02.2026 – Lesezeit ca. 5 Minuten 186

NRW steht beim öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vor einer Richtungsentscheidung: Reicht die Finanzierung künftig maximal noch für ein „Weiter so“ – oder nutzt das Land die Chance, Angebot und Qualität spürbar zu verbessern? Antworten darauf gibt das neue Leistungskostengutachten des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), das den Finanzierungsbedarf und die Wirkung zusätzlicher Investitionen bis 2040 detailliert für jedes Bundesland ausweist – so auch für Nordrhein-Westfalen.

Der ÖPNV steht bundesweit unter Druck: Massive Kostensteigerungen bei Personal, Energie und Material, jahrzehntelang aufgestaute Investitionsbedarfe bei Infrastruktur, Fahrzeugen und Betriebshöfen treffen auf eine unsichere Erlössituation – unter anderem durch das Deutschland-Ticket. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Busse und Bahnen als Teil der Daseinsvorsorge und als Rückgrat moderner Mobilität. Das Leistungskostengutachten im Auftrag des VDV zeigt bundesweit und für jedes Bundesland, wie sich Angebot, Nachfrage, Kosten und Erlöse bis 2040 entwickeln und welchen finanziellen Rahmen es braucht, um entweder den Status quo zu modernisieren oder darüber hinaus ein deutlich besseres Angebot - das „Deutschlandangebot 2040“ - zu schaffen.

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NRW bietet als einwohnerreichstes Bundesland auch das größte ÖPNV-Angebot in Deutschland: 2024 wurden hier rund 735 Millionen Nutzfahrzeug- bzw. Nutzzugkilometer erbracht, die Nachfrage lag bei 24,7 Milliarden Personenkilometern – einem Fünftel der bundesweiten Nachfrage. Die Kostendeckung durch Fahrgelderlöse und sonstige Erträge liegt mit knapp 35 Prozent etwas über dem Bundesdurchschnitt von 33 Prozent – zugleich verbleibt ein öffentlicher Finanzierungsbedarf von 4,48 Milliarden Euro pro Jahr.

Ulrich Jaeger, Vorsitzender der VDV-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen: „Nordrhein-Westfalen ist ÖPNV-Land – mit dichten Netzen in den Städten und vielen Busverbindungen in den ländlichen Räumen. Das Gutachten macht aber deutlich: Wenn wir dieses Rückgrat der Mobilität erhalten und ausbauen wollen, reicht ein ‚Weiter so‘ nicht. Wir brauchen klare Zusagen von Land und Bund, dass der ÖPNV als zentrale Infrastruktur ernst genommen und langfristig finanziert wird.“

Zwei Szenarien für NRW: Modernisieren und deutlich ausbauen

Im Rahmen des Gutachtens hat der VDV zwei Szenarien für die ÖPNV-Entwicklung bundesweit und in jedem Bundesland besonders untersuchen lassen: Modernisierung und Deutschlandangebot bis 2040. Die wichtigsten Ergebnisse für das Bundesland NRW:

1. Szenario „Modernisierung 2040“ – Substanz erhalten, Qualität verbessern

In diesem Szenario wird das heutige ÖPNV-System technisch und strukturell erneuert:

  • Abbau des Sanierungsstaus bei der Infrastruktur in den Straßen- und Stadtbahnnetzen
  • Modernisierung von Betriebshöfen und Werkstätten
  • Erneuerung und Dekarbonisierung der Fahrzeugflotten
  • Digitalisierung und Automatisierung zentraler Prozesse

Das Verkehrsangebot bleibt insgesamt weitgehend stabil (+ 1 Prozent), gleichzeitig sinkt die Nachfrage leicht (– 1 Prozent), vor allem aufgrund der prognostizierten demografischen Entwicklung – weniger Einwohner, insbesondere im erwerbsfähigen Alter, in ländlichen geprägten Kreisen und im Ruhrgebiet.

Trotzdem steigt der Finanzierungsbedarf:

  • von 4,48 Milliarden Euro (2024) auf 8,47 Milliarden Euro (2040)
  • das entspricht einem Plus von rund 89 Prozent und einem jährlichen Mittelaufwuchs von etwa 250 Millionen Euro
  • davon sind bereits rund 106 Millionen Euro pro Jahr allein auf die allgemeine Inflation zurückzuführen

Besonders stark wächst der Finanzierungsbedarf für die Stadtbahnsysteme (+ 146 Prozent) aufgrund des umfangreichen Grunderneuerungsbedarfs und punktueller Netzausbauten. Auch die Sparten Bus (+ 86 Prozent) und SPNV (+ 70 Prozent) benötigen deutlich mehr Mittel.

2. Szenario „Deutschlandangebot 2040“ – Mobilität für alle und überall Dieses Szenario geht noch einige Schritte weiter als das Szenario Modernisierung 2040 und setzt auf einen flächendeckenden Ausbau des Angebots in allen Regionen:

  • Einführung von Mindestbedienstandards im Busverkehr – auch für ländliche Räume
  • + 40 Prozent Fahrplanleistung im Straßen- und Stadtbahnverkehr sowie Beschleunigung des Angebots
  • Umsetzung des Deutschlandtakts im SPNV, unter anderem mit dichterem RRX-Angebot zwischen Köln und Dortmund, einer ausgebauten S-Bahn Münsterland und Verbesserungen auf der Wupperachse

Die Verbesserungen sind deutlich:

  • Die Sitzplatzkapazität steigt um 79 Prozent
  • die ÖPNV-Nachfrage steigt bis 2040 um mindestens 26 Prozent
  • die durchschnittliche Angebotsgüte („Güteklasse“) verbessert sich von der heutigen Schulnote 3,5 auf die Schulnote 2,1
  • für mehr als ein Drittel der Menschen in NRW verbessern sich Erschließung und Angebot um zwei Güteklassen, für knapp die Hälfte um eine Güteklasse – und zwar flächendeckend in allen Landkreisen

Finanziell bedeutet das:

  • der Finanzierungsbedarf steigt auf 15,67 Milliarden Euro pro Jahr (2040) – also ein Plus von 11,19 Milliarden Euro gegenüber 2024
  • notwendig ist ein jährlicher Mittelzuwachs von rund 700 Millionen Euro (+ 8,2 Prozent p. a.)
  • gegenüber der reinen Modernisierung erfordert das Deutschlandangebot 2040 zusätzliche 450 Millionen Euro pro Jahr

Besonders stark wachsen die Bedarfe im Busverkehr (+ 340 Prozent), weil mit dem Deutschlandangebot 2040 landesweit ein flächendeckendes Grundangebot umgesetzt und gesichert wird – gerade in den Regionen, die heute noch zu wenig erschlossen sind.

Alexander Möller, Geschäftsführer ÖPNV beim VDV: „Das Deutschlandangebot 2040 zeigt, welches Potenzial in Nordrhein-Westfalens ÖPNV steckt: bessere Takte, mehr Kapazität, verlässliche Anbindungen – von der Großstadt bis in den ländlichen Raum. Dafür müssen die Finanzströme neu geordnet werden. Das Gutachten liefert die fachliche Grundlage, jetzt sind politische Entscheidungen gefragt.“

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