Dieser Artikel ist zur Veröffentlichung in der Ausgabe 6 - November / Dezember 2026 der gedruckten Kommunalwirtschaft vorgesehen.

Rubrik Allgemein

Oberflächenbeschichtung für Brücke mit Holzbelag neben dem Schiefen Haus in Ulm

Anwohner, Feuerwehr und Fotosouvenir-Sammler sind jetzt sicher

15.10.2026 – Lesezeit ca. 6 Minuten 14

Bild: Steffen Frank

Es ist eines der meistfotografierten Objekte in Ulm: das Schiefe Haus im pittoresken Fischerviertel. Der Name ist durchaus wörtlich zu nehmen. Denn der spätgotische Fachwerkbau hat eine bedrohlich wirkende Schräglage. Heute befindet sich in dem bekannten Gebäude in der Schwörhausgasse das schiefste Hotel der Welt, ausgezeichnet vom Guinness-Buch der Rekorde. Neben dem fünfgeschossigen Gebäude, früher von den Schiffsmeistern von Ulm genutzt, wurde nun eine neue Stahlträgerbrückemit Holzbelag errichtet. Diese muss nicht nur zahlreichen Touristen, Besuchern und Bewohnern standhalten, sondern dient auch als Feuerwehrzufahrt. Um hier die Rutschsicherheit zu gewährleisten, wurde eine spezielle Oberflächenbeschichtung appliziert.

Bis heute ist das bauliche Kuriosum eine Top-Attraktion und beliebt bei Fotosouvenir-Sammler. Für die meisten Touristen ist das Schiefe Haus neben dem Ulmer Münster ein wahrer Magnet. Direkt neben dem historisch wertvollen Gebäude, das sogar mit dem Landesdenkmalspreis ausgezeichnet wurde, existierte eine Brücke über den Fluss. Sie dient nicht nur als Übergang ins Viertel, sondern auch als Feuerwehraufstellfläche, die mindestens 16 Tonnen tragen muss. Die bestehende Brücke war durchgerostet und einsturzgefährdet, konnte nicht mehr befahren werden. Nach dem Schwör-Montag starteten die Bauarbeiten für eine neue Brücke.

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Und wie sollte die neue Brücke aussehen? Nach der Vergabe gab es bezüglich des Belages für die Stahlträgerbrücke zwei favorisierte Materialien: Holz und Glasfaser verstärkter Kunststoff (GFK). „Holz ist im Vergleich zu GFK wartungsintensiver, erfüllt jedoch sowohl die technischen als auch gestalterischen Anforderungen für unser Fischerviertel“, erläutert Markus Hövel, Projektleiter Ingenieurbau aus der Abteilung Verkehrsinfrastruktur der Stadt Ulm. So direkt am Hotspot neben dem Schiefen Haus gelegen, an dem jede Stadtführung vorbeikommt, war eine Brücke aus warmem, freundlichem Material erwünscht.

Schnell war klar, dass hier nur Vollholz zur Umgebung und zum Ambiente passt. In Ulm wird sehr erfolgreich die Kooperation von Denkmälern und Projekten der Neuzeit im Sinne der Ensemble- und Quartiersbildung praktiziert. Zahlreiche Objekte werden als Schätze und Kulturzeugen betrachtet, die zu einem identitätsstiftenden Stadtbild beitragen – so auch das Schiefe Haus. Das Zusammenspiel moderner und historischer Architektur ist prägend für das Bild der Stadt Ulm und sollte auch an dieser Stelle optimal funktionieren.

Holzdeck aus zertifiziertem Bongossi

Die Entscheidung fiel auf ein Holzdeck aus zertifiziertem Bongossi, das voraussichtlich viele Jahrzehnte überdauert und der hohen Inanspruchnahme gerecht wird. Mit Entfernung der alten Brücke und dem Neubau wurde das Matthäus Schmid Bauunternehmen aus Baltringen beauftragt. „Die Stadt wünschte sich einen Holzbelag. Dieser musste allerdings so ausgebildet werden, dass er gebrauchstauglich für Feuerwehrfahrzeuge ist, also ideal befahrbar. Denn die Brücke ist sowohl Geh- und Radweg als auch Rettungszufahrt“, erklärt Thomas Malik, Oberbauleiter beim Generalunternehmen.

Welche Möglichkeiten gibt es für Holz, welches Material eignet sich – erst recht im Außenbereich? Was macht Sinn, um einen nachhaltigen Antirutscheffekt zu erzielen? Eingefräste Antirutschstreifen hatten andernorts bisher kein optimales Ergebnis gebracht und wurden unter anderem durch den Winterräumdienst aus dem Holz gerissen. Welche Lösung ist für Stadtplaner, Architekten und Nachbarn gleichermaßen akzeptabel? „Wenn jemand sagt, das geht nicht, komme ich ins Spiel. Manche nennen mich auch Problemlöser“, lacht Steffen Frank. Er ist nicht nur Schreiner und staatlich geprüfter Holztechniker, sondern auch Servicetechniker der GriP Safety Coatings AG. Das Schweizer Unternehmen hat sich der Herausforderung gestellt, Holz zu beschichten – auch und erst recht im Außenbereich. Weil Holz eine Oberfläche ist, die non-stop lebt und arbeitet, ist es fast unmöglich, etwas darauf zu applizieren, das überhaupt oder sogar längerfristig hält. Feuchtigkeit im Material, Temperaturwechsel, Trocknungszeiten und Härte – das alles erschwert die Oberflächenbeschichtung von Holz. Das gilt unabhängig von Holzart und Oberflächenbeschaffenheit.

Was eignet sich für Hölzer im Außenbereich?

Eingesetzt wurde die transparente und wetterfeste Antirutschbeschichtung GriP New WOOD P5/R12 mit Rutschsicherheitsklasse R12/P5. Die körnige Zwei-Komponenten-Beschichtung ist exakt für diese Aufgabenstellung entwickelt. Das Material ist lösemittelfrei, umweltfreundlich und beschädigt den Untergrund nicht. Die Beschichtung entspricht der DIN EN 16165 Anhang C, ist LGA-zertifiziert und UV-beständig. GriP New WOOD P5/R12 eignet sich für naturbelassene Hölzer im Außenbereich. Das Material wurde auf den insgesamt 35 Quadratmetern Brückenfläche gleichmäßig mit einer Malerrolle aufgetragen, also gewalzt. Die Trocknungszeit betrug eine Stunde. Einen Tag wurde die Fläche abgesperrt, in der Zwischenzeit konnten die Besucher und Anwohner eine provisorische Brücke benutzen.

„Einerseits ist der Bedarf an Rutschfestigkeit sehr hoch, andererseits sind die Menschen in Ulm sehr skeptisch“, erinnert sich Frank. Besitzt das Produkte tatsächlich Standhaftigkeit für draußen und hält es, was es verspricht? Ändert sich die Holzoptik und taugt das Material wirklich in Sachen Rutschhemmung? „Da fällst du nicht hin, das ist gut gemacht – das sagte ein Nachbar neulich zu mir. Bei Eis, Schnee und Starkregen haben es die Ulmer getestet und versucht, auf der Brücke zu rutschen. Nun sind die Anwohner zufrieden. Der Mehrwert ist ja, dass gerade an einer Stelle, an der so viele Leute aller Generationen unterwegs sind, es nun sicher ist.“

Über die Entscheidung, den Belag mit GriP New WOOD zu beschichten und so eine dauerhafte Rutschhemmung zu erzeugen, ist auch Markus Hövel genauso zufrieden wie mit dem Ergebnis: „Bisher gibt es nur positive Rückmeldung, die Anwohner fühlen sich rutschsicher. Nach den ersten guten Erfahrungen sind die Bedenken ausgeräumt. Ich bin begeistert von dem Produkt, es sieht sehr edel aus. Ich bin auch schon mehrmals über die Brücke gelaufen und finde es griffig. Der Unterschied ist deutlich spürbar.“


Das Schiefe Haus in Ulm

Das ursprünglich 1406 errichtete Fachwerkhaus, das gehörig aus dem Lot geraten ist, fällt direkt ins Auge: Die Schräglage beträgt von Norden nach Süden 1,50 Meter. Das heutige Erscheinungsbild wurde durch den Anbau 1443 hin zum kleinen Gewässer namens Blau geschaffen. Das Haus stand auf seiner Nordseite auf einem festen Kiesuntergrund. Auf der Südseite ist der tragfähige Baugrund erheblich tiefer. Da die Fundamente hier schlechter gegründet waren, senkte sich der Bau in seine schiefe Lage. Zur Rettung wurde das Gebäude durch Säulen und eine steinerne Außenwand gestützt.

Unübersehbar ist das vorstehende erste Obergeschoss, das durch Stützen gesichert wurde, so dass eine Galerie zum Unterziehen von Kähnen und das Anbinden von Holzkästen entstand. Dieser historische Anlegeplatz der Fischerboote ist heute eine „schwimmende” Sitzgalerie in der Blau. Diverse Sanierungsarbeiten haben die Statik des Hauses abgesichert, ohne die Neigung zu ändern. Im Dachboden und in den Decken wirken Stahlbänder der Kipprichtung entgegen. Das Schiefe Haus könnte viel von seiner mehr als 600-jährigen Geschichte erzählen. Beispielsweise wie hier die Witwe des Schneiders von Ulm wohnte. Dass der Keller von Fischern als Raum für die Instandsetzung ihrer Netze genutzt wurde. Und über die Fischkammern mit natürlicher Frischwasserzufuhr – so konnte der Lebendfang bis zum Markttag aufbewahrt werden.

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