Rubrik Energie & Netze

Der schlafende Riese unter unseren Füßen: Warum die Wärmewende Tiefe braucht

Von Sven Anacker, Herausgeber Kommunalwirtschaft – 28.01.2026 – Lesezeit ca. 3 Minuten 293

Der schlafende Riese unter unseren Füßen: Warum die Wärmewende Tiefe braucht

Foto iStock:Puripatl

Wenn wir über die Energiewende sprechen, blicken wir meistens nach oben: auf Windräder, die sich im Wind drehen, oder auf Photovoltaikanlagen, die das Sonnenlicht einfangen. Doch während wir den Himmel nach Lösungen absuchen, übersehen wir oft das gewaltige Potenzial direkt unter unseren Sohlen. Mehr als 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland fließen in den Wärme- und Kältesektor. Hier liegt die Achillesferse unserer Klimastrategie – und gleichzeitig ihre größte Chance.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Aktuelle Studien, unter anderem der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie (IEG), zeigen, dass die Geothermie bis zu einem Viertel des gesamten deutschen Wärmebedarfs decken könnte. Das entspricht einer jährlichen Energiemenge von über 300 Terawattstunden. In Regionen wie dem norddeutschen Becken oder dem Oberrheingraben schlummert eine Energiequelle, die nicht nur klimaneutral, sondern vor allem grundlastfähig ist.

Beständigkeit in volatilen Zeiten

Im Gegensatz zu Wind und Sonne liefert die Erdwärme an 365 Tagen im Jahr verlässlich Energie – unabhängig von Wetterkapriolen oder Tageszeiten. Diese „Ewigkeit“ der Quelle ist ein zentrales Argument, das auch das aktuelle Fachbuch „GEOTHERMIE – Die Energie der Zukunft“ (Herausgeber Stephan Heller) hervorhebt. Es beschreibt die Geothermie nicht als bloße Alternative, sondern als das notwendige Fundament, das die Fluktuationen anderer erneuerbarer Energien ausgleichen kann.

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Doch trotz dieses Potenzials fristet die Tiefengeothermie in Deutschland noch ein Schattendasein. Während wir im Bereich der oberflächennahen Geothermie durch Wärmepumpen in Privathaushalten stetige Fortschritte machen, stockt der Ausbau der tiefen Schichten für die kommunale Fernwärme. Die Hürden sind bekannt: hohe Investitionsrisiken bei den ersten Bohrungen und komplexe Genehmigungsverfahren.

Ein neuer politischer Rückenwind

Es regt sich jedoch Bewegung. Mit dem Entwurf eines Geothermie-Beschleunigungsgesetzes hat die Politik das Ziel ausgegeben, bis 2030 zusätzliche 10 Terawattstunden aus der Tiefe zu gewinnen. Experten halten dies für einen ersten Schritt, mahnen jedoch an, dass die Ziele weitaus ambitionierter sein müssten, um die Dekarbonisierung der Wärmenetze bis 2045 realisieren zu können.

In der Fachliteratur, insbesondere im bereits erwähnten Werk „GEOTHERMIE – Die Energie der Zukunft“, wird deutlich, dass Technik und Geologie nicht das Problem sind. Das ingenieurtechnische Know-how ist vorhanden; was fehlt, sind skalierbare Finanzierungsmodelle und eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz, die auf Transparenz und moderner Seismik-Überwachung fußt.

Fazit: Zeit für Mut zur Tiefe

Die Wärmewende wird nicht an der Oberfläche gewonnen werden. Wir müssen lernen, den geologischen Untergrund als Teil unserer kritischen Infrastruktur zu begreifen. Wer sich tiefer mit der Materie beschäftigt, erkennt schnell: Geothermie ist kein Nischenthema für Spezialisten mehr, sondern die logische Antwort auf die Frage nach einer souveränen, preisstabilen und sauberen Energieversorgung.

Es ist an der Zeit, dass Kommunen, Investoren und Bürger gemeinsam den Bohrer ansetzen. Denn die Energie der Zukunft ist längst da – wir müssen sie nur ans Licht befördern.

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