Rubrik Energie & Netze

Neue Gemeinschaften beim Wohnen und in der Wärmeversorgung

Von Dr. Susanne Schön, inter 3 GmbH Institut für Ressourcenmanagement – 23.12.2025 – Lesezeit ca. 6 Minuten 645

Neue Gemeinschaften beim Wohnen und in der Wärmeversorgung

In diesen leerstehenden Bestandsgebäuden in Wuppertal soll das Wohnprojekt Buschwerk entstehen. Eine Anhandgabe ermöglicht den weiteren Planungsprozess.(Bild: Monika Quabeck-Gleser, Buschwerk eGbR)

Gemeinschaftliche Wohnprojekte und kooperative Nahwärme-Initiativen versprechen mit ihrer intrinsischen Motivation oder auch mit der Einsicht in die Notwendigkeit ungewohnter Organisationsformen neuen Schwung in zentralen kommunalen Handlungsfeldern. Bürgerinnen und Bürger verwenden viel Zeit und Kraft auf das Bahnen und Ausprobieren neuer Wege. Dieses ebenso bemerkenswerte wie wertvolle Engagement könnte größere und schnellere Wirkungen entfalten, wenn es hie und da gezielt unterstützt werden würde. In dieser Innovationsphase zwischen engagierten Pionieren und Aufbruch in eine größere gesellschaftliche Breite können mit kleinen Hilfestellungen große Effekte erzielt werden.

Gemeinschaftliche Wohnprojekte sind bislang Nischenprojekte, aber das Interesse daran steigt über alle Generationen hinweg: Mit Gleichgesinnten nachhaltiger wohnen, im Alter autonom in Gemeinschaft leben, mit mehreren Generationen unter einem Dach … Kommunen entdecken Gemeinschaftswohnprojekte als Möglichkeit, leerstehende Gebäude in Nutzung zu bringen, Quartiere oder Dörfer zu beleben, Wohnraum effizienter zu nutzen oder den Wohnraumbedarfen einer alternden Gesellschaft gerecht werden zu können.

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Auch an gemeinschaftlichen Nahwärmeprojekten gibt es reges Interesse: Nachbarschaftliche Initiativen organisieren sich in Wärmewende-AGs und loten die Möglichkeiten kooperativer Wärmeversorgung aus, um die Anforderungen aus dem Gebäudeenergiegesetz erfüllen zu können. Kommunen betrachten das durchaus wohlwollend, weil es der Bewohnerschaft von Orts- oder Stadtteilen, die nicht mit Fernwärme versorgt werden können, eine Alternative zur Einzellösung bietet und deren Gefühl, mit dem Problem alleine gelassen zu werden, etwas mindert.

3000 m Hindernis: Die Disziplin für Gemeinschaftsprojekte

Solche Gemeinschaftsprojekte schüren also die Hoffnung, ein paar drängende Probleme auf kommunaler Ebene lindern oder lösen zu können. Als soziale Innovationen, die Aufgaben neu denken und die Umsetzung in neuen Formen organisieren, tun sie zunächst aber vor allem eines: Sie zerstören eingeübte Praktiken und Routinen, ohne gleich funktionierende neue anbieten zu können.

Es gibt kaum Angebote professioneller Dienstleister, die sie dabei in Anspruch nehmen können, denn der Markt ist noch zu klein und der Aufwand, der aktuell für die Gemeinschaftsbildung betrieben werden muss, unbezahlbar. Folglich fordern die innovativen Gemeinschaftsprojekte ein hohes Maß an Pionierleistungen und Selbstorganisationskraft. Wer gemeinschaftlich wohnen oder eine nachbarschaftliche Wärmeversorgung aufbauen will, muss selbst in den Ring steigen, sich viel Wissen aneignen, Mitmacherinnen und Mitmacher aktivieren und organisieren, Schneisen durch den rechtlichen Dschungel schlagen und – wenn das alles halbwegs erfolgreich verläuft – eine Finanzierung auftreiben, die für alle Beteiligten (nicht zuletzt für die Kreditgeber) machbar ist.

Wie meidet man das Tal des Todes?

Es braucht nicht viel Fantasie, um die damit verbundenen strukturellen Überforderungen zu erkennen. Daran scheitern Gemeinschaftsinitiativen immer wieder, andere bleiben über zehn, fünfzehn Jahre mit sehr langem Atem dran. Es ist das klassische (in der Innovationsforschung so genannte) Tal des Todes, das Innovationen in dieser Interimsphase zwischen Pionierleistungen und Aufbruch in eine größere Nische droht. Die Pioniere mobilisieren für die Realisierung ihrer Ziele alles, was sie haben, aber die meisten der ebenfalls intrinsisch motivierten Nachahmer können oder wollen das nicht. Sie brauchen Unterstützung oder sie verschwinden wieder. Dabei könnten einige zentrale Hürden schon mit gezielten Hilfestellungen überwunden werden. Das BMFTR-geförderte Forschungsprojekt Soziale Innovationen in Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung (SInBa) erkundet gemeinsam mit den Städten Mannheim und Wuppertal, ob und wie Kommunen in dieser Phase solche Gemeinschaftsprojekte unterstützen können.

Verwaltungslotsin für Gemeinschaftswohnprojekte

In Wuppertal interessiert sich eine Gemeinschaftswohnen-Initiative für zwei leerstehende städtische Immobilien. Um den sich abzeichnenden aufwändigen Abstimmungsprozess innerhalb der Initiative, zwischen Initiative und Stadt sowie innerhalb verschiedener Verwaltungsstellen nach Möglichkeit zu minimieren, testet Wuppertal den Einsatz einer Verwaltungslotsin: Sie erklärt der Initiative verwaltungsinterne Prozesse, vermittelt zwischen Positionen der Stadt und der Initiative, bezieht erforderliche städtische Stellen ein und sensibilisiert sie für die Bedarfe des Wohnprojektes.

Mit der Einsetzung der Verwaltungslotsin konnten der prozessuale Aufwand gesenkt und auf Seiten der Initiative viele Unsicherheiten reduziert werden, so dass sie Zeit für gruppeninterne Prozesse und insgesamt an Stabilität gewannen. In Kombination mit anderen Prozessbausteinen zur Klärung der planungsrechtlichen Rahmenbedingungen (z.B. Bauvoranfrage) und zur Sicherung des Zugriffs auf ein Grundstück (z.B. Anhandgabe) konnte die Planungssicherheit in der für viele Wohnprojekt-Initiativen herausfordernden Anbahnungs- und frühen Planungsphase bedeutend erhöht werden. Geplant ist, die Ergebnisse der Testphase in eine Art verwaltungsinternen Fahrplan für die Unterstützung gemeinschaftlicher Wohninitiativen zu gießen.

Konstruktiv stören für nachbarschaftliche Nahwärmeprojekte?

Gemeinschaftswohnprojekte sind nicht grundlegend neu, gemeinschaftliche Nahwärme-Initiativen dagegen schon. Sie bilden sich aktuell in Stadtteilen, die laut kommunaler Wärmeplanung nicht an die Fernwärmeversorgung angeschlossen werden können und basieren auf Autonomiegedanken, Nachhaltigkeitsambitionen, Wirtschaftlichkeitserwägungen und/oder auf der Einsicht, dass individuelle Lösungen in stark verdichteten Räumen schlicht nicht umsetzbar sind. In Wuppertal stellt sich analog zum Gemeinschaftswohnprojekt die Frage, wie solche Initiativen effizient und effektiv unterstützt werden können. In Mannheim stellt sich die Frage, ob und wie die Stadt Nahwärmeprojekte oder Nahwärmeinseln anstoßen kann.

Grundsätzlich kann man zwei Herangehensweisen beobachten: Erstens die eher sozial getriebene Initiative, die von einer bürgerschaftlichen Gruppe ausgeht, lokal verortet ist und dann die technischen Optionen vor Ort auslotet. Zweitens die eher technisch getriebene Initiative, die von der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Energieversorger ausgeht, Gebiete mit passenden Wärmequellen und Wärmeverbrauchern identifiziert und dann versucht, die entsprechende Einwohnerschaft zu interessieren. Beide Herangehensweisen haben offensichtliche Vor- und Nachteile, aber letztlich müssen beide das Technische und das Soziale in einer wirtschaftlich tragfähigen Beziehung miteinander verheiraten.

Wie das in einem effizienten Prozess zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt werden kann, zeichnet sich in allersten Konturen ab. Eine Verwaltungslotsin wäre in dieser frühen Innovationsphase fehl am Platz. Dennoch sehen sich die Kommunen in der Verantwortung, ihre Gebäudeeigentümer*innen bei den aus der kommunalen Wärmeplanung resultierenden wichtigen und teuren Entscheidungen nicht alleine zu lassen. Doch welche Rolle können sie zwischen Bürgerschaft und Energieversorgern überhaupt einnehmen? Neben der Prozessgestaltung probieren sie auch ungewohnte Rollen aus: das konstruktive Stören. Dort, wo die Nahwärme-Initiative eher technisch getrieben ist, suchen sie nach geeigneten Wegen, um die Bürgerschaft anzusprechen und mitzunehmen. Dort, wo die Nahwärme-Initiative eher sozial getrieben ist, suchen sie nach Wegen, die Profis aus Planungsbüros und Energiewirtschaft (die den Aufwand im Moment auch noch scheuen) in den Prozess hineinzuziehen. Bis sich dabei eine Art Fahrplan herausschält, wird es allerdings noch ein bisschen dauern.

Von Seinesgleichen lernen: Peer-to-Peer

Auch Verwaltungslotsen und konstruktive Störer in der Verwaltung kosten Geld, das im Zweifelsfall im städtischen Budget nicht vorhanden ist. SInBa experimentiert auch mit so genannten Peer-to-Peer-Konzepten, um aus den verschiedenen Verfahrensweisen von Städten und Gemeinschaftsinitiativen die effizientesten und wirksamsten herauszumendeln. Zwischen Wuppertal und Mannheim funktioniert das bereits. Weitere Interessenten sind willkommen.

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