Rubrik Energie & Netze

Nicht Europas Energieaustausch gefährdet die Versorgung – er sichert sie

Warum Europas Strommarkt Stabilität schafft

18.11.2025 – Lesezeit ca. 4 Minuten 197

Warum Europas Strommarkt Stabilität schafft

Privates Institut: Thomas Schoy

In den vergangenen Monaten häuften sich Berichte, Deutschland müsse „immer häufiger seine Stromreserven anzapfen“ oder „die Reservekraftwerke hochfahren“. Damit entsteht der Eindruck, die Energiewende führe zu einer unsicheren Versorgungslage. Doch dieser Befund greift zu kurz und übersieht den entscheidenden Punkt: Die Stärke des europäischen Stromsystems liegt gerade in seiner Vernetzung. „Dass Energie über Grenzen hinweg fließt, sobald sie dort gebraucht wird, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern Ausdruck eines funktionierenden Marktes“, erklärt Thomas Schoy, Mitinhaber und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Privates Institut sowie Experte für erneuerbare Energien. „Strom kennt keine Staatsgrenzen. Wenn Engpässe auftreten, gleichen Nachbarn sie aus.“ Genau dieses Prinzip war von Beginn an das Fundament des europäischen Binnenmarkts für Energie. Wer heute daraus eine vermeintliche Bedrohung konstruiert, stellt nicht nur die Logik des Systems auf den Kopf, sondern gefährdet auch das Vertrauen in eines der effizientesten Instrumente zur Versorgungssicherheit.

Strom fließt, wo er gebraucht wird

Ein Blick auf den europäischen Netzverbund zeigt, wie stark dieses Zusammenspiel bereits wirkt. Weht der Wind an der Nordsee kräftig, speist Deutschland große Mengen Strom ins Netz ein, die bis nach Südosteuropa fließen. Umgekehrt stützen Importe aus den Pumpspeicherkraftwerken der Alpen oder auch aus Skandinavien das System, wenn hierzulande wenig Wind und Sonne verfügbar sind. Der Experte hält fest: „So entsteht ein permanenter Ausgleich zwischen Regionen, die wetter- oder jahreszeitenbedingt unterschiedlich viel Strom erzeugen. Gerade in Extremsituationen zeigt sich die Bedeutung dieser Vernetzung: Wenn in Frankreich Hitzewellen die Kühlleistung der Atomkraftwerke einschränken oder in Österreich durch eine Dürre weniger Wasser in den Pumpspeicherkraftwerken verfügbar bleibt, sorgt deutsche Wind- und Solarenergie für Stabilität im europäischen Netz.“ Umgekehrt profitieren wir auch von der Vielfalt der europäischen Erzeugung. Diese gegenseitige Abhängigkeit oder dieser Austausch schützt das Gesamtsystem vor Schwankungen und Überlastungen.

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Bundesrepublik als Stabilitätsanker

Deutschlands Rolle im europäischen Energiesystem hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. „Mit dem konsequenten Ausbau von Wind- und Solarenergie fungiert das Land heute als zentraler Stabilitätsanker“, so Schoy. „Die Erneuerbaren schaffen eine zusätzliche Flexibilität, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Immer häufiger stützt deutsche Einspeisung die Netze anderer Mitgliedsstaaten, gerade dann, wenn dort fossile oder nukleare Kapazitäten ausfallen beziehungsweise heruntergefahren werden.“ Dieses Zusammenspiel ist kein Zufall, sondern ein Ausdruck einer gemeinsamen Strategie. Europas Energiezukunft baut auf Diversifizierung: Unterschiedliche Technologien, geografische Lagen und Witterungsbedingungen ergänzen sich. Je breiter die Erzeugungsbasis, desto resilienter das Gesamtsystem. Vielfalt schafft Sicherheit und diese Sicherheit entsteht durch Integration, nicht durch Abschottung.

Reserven als Sicherheitsgurt, nicht als Preistreiber

Reservekraftwerke bilden das Sicherheitsnetz unter dem europäischen Energiemarkt. Ihre Funktion besteht darin, das Netz zu stabilisieren, wenn unvorhergesehene Schwankungen auftreten, nicht darin, den Preis zu regulieren. „Ein Zuschalten der Reservekraftwerke zur Preisdämpfung mag kurzfristig attraktiv erscheinen, würde jedoch einer Marktmanipulation gleichkommen“, verrät der Experte für erneuerbare Energien. „Der Strompreis muss Knappheit signalisieren, damit sich Investitionen in Speichertechnologien, Elektrolyseure und Flexibilitätslösungen lohnen. Wird dieser Marktmechanismus künstlich verzerrt, sinken die Anreize für Innovationen.“ Gerade aber diese Technologien machen das System zukunftsfähig: Sie speichern Überschüsse, glätten Schwankungen und ermöglichen langfristig eine vollständige erneuerbare Energieversorgung. Reserve sollen also nur dann eingreifen, wenn die Netzstabilität tatsächlich gefährdet ist, nicht, wenn kurzfristige Preisspitzen politisch unbequem erscheinen.

Europas Stärke liegt im Miteinander

Der europäische Stromhandel verkörpert das, was in der Energiewende oft gefordert, aber selten konsequent gedacht wird: Solidarität durch Systemintegration. Kein Land kann die Herausforderungen allein bewältigen, weder bei Wetterextremen noch beim Umbau der Energieinfrastruktur. Erst die gemeinsame Nutzung von Netzen, Erzeugungskapazitäten und Speichern schafft die Resilienz, die nationale Grenzen überwindet. Schoy erläutert: „Wer diese Vernetzung in Frage stellt, schwächt das Gesamtsystem. Nationale Abschottung mag kurzfristig populär klingen, führt aber in technische und wirtschaftliche Sackgassen. Die Zukunft der Energieversorgung hängt von Kooperation ab und von dem Vertrauen, dass europäische Partnerschaft nicht nur Schwäche, sondern Stärke bedeutet.“ In einem vernetzten Europa gleicht sich aus, was lokal schwankt. Genau in diesem Zusammenspiel liegt die Kraft der Energiewende. Stabilität durch Vielfalt, Sicherheit durch Zusammenarbeit und Unabhängigkeit durch Integration.

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