Rubrik Allgemein

Kaum Zielkonflikte mit dem Naturschutz

Tiefe Geothermie in Baden-Württemberg beschleunigt weiter erforschen, erschließen und nutzen

17.05.2023 – Lesezeit ca. 4 Minuten 18

Angesichts der Situation, dass einige der in Planung oder bereits in Entwicklung befindlichen Geothermie-Projekte im Oberrheingebiet vor Ort kontrovers diskutiert werden, spricht sich der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV), Dachverband von 36 Naturschutzorganisationen, dezidiert für eine beschleunigte weitere Erforschung, Erschließung und Nutzung dieser Technik aus.

„Die Gemeinden im Oberrheingraben haben die Chance, eine nahezu klimaneutrale Wärmeversorgung zu erreichen, weil sie die Tiefe Geothermie günstig nutzen können“, betont LNV-Vorsitzender Dr. Gerhard Bronner. „Nach dem bayerischen Molassebecken mit dem Stadtgebiet von München gehört der baden-württembergische Oberrheingraben zu den besonders günstigen geologischen Strukturen für die Nutzung tiefer, hydrogeothermaler Energie in Deutschland!“.

Zwar sind die Ängste mancher Bürgerinnen und Bürger angesichts von Vorfällen mit schweren Schäden in Staufen im Breisgau vor ca. 15 Jahren, oder mit Erschütterungen wie in Basel verständlich. Fachlich begründet sind sie aber nicht. Die genannten Schäden und Erschütterungen traten durch völlig andere Bohrtechniken, teilweise auch durch fahrlässiges Vorgehen, auf. Solche Schäden sind inzwischen in Baden-Württemberg aufgrund der gesetzlichen Vorgaben ausgeschlossen, was auch konsequent überwacht wird.

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Die gesetzlichen Vorgaben beugen Bohrschäden vor

Die Hebungen in Staufen erfolgten bei Bohrungen zur Nutzung oberflächennaher Geothermie in eine Anhydrit-führende Gipskeuperschicht, die durch Wasserzutritt aufgequollen ist. Ursache war ein fehlerhafter Ausbau der Bohrungen. Die Erschütterungen in Basel dagegen ereigneten sich bei Erschließungsversuchen sehr tiefer petrothermaler Geothermie durch das Aufpressen zur Gangbarmachung des kristallinen Grundgebirges für Wasser mit Hilfe hoher Drücke (Fracken). Dabei können in der Erdkruste vorhandene Spannungen vorzeitig ausgelöst werden. In Baden-Württemberg ist dieses Verfahren nicht zugelassen.

Die aktuellen Projekte im Oberrheingraben verfolgen ausschließlich hydrothermale Tiefe Geothermie. Hierbei wird in etwa 3.000 – 4.000 Meter Tiefe vorhandenes heißes Grundwasser erschlossen, durch Pumpen gehoben und nach Entzug und Nutzung der Wärme abgekühlt wieder in den gleichen Grundwasserleiter versenkt. Auch dabei können geringfügige seismische Reaktionen nicht absolut ausgeschlossen werden. Sie bleiben aber nach umfangreichen wissenschaftlichen Messungen und dem eingesetzten Monitoring unter der örtlichen Spürbarkeits- und vor allem unter der Schadens-Schwelle.

Erforderlich für die hydrothermale Geothermie sind tiefliegende grundwasserführende Schichten. Solche sind im Baden-Württemberg nicht landesweit vorhanden, im Oberrheingraben bereichsweise aber sicher nachgewiesen. „Durch vorausgehende vibrationsseismische Erkundung werden darin für die Erschließung besonders günstige Strukturen gesucht“, erläutert Dr. Wilhelm Schloz, Referent für Geologie, Grundwasser und Geothermie des LNV.

Vorbild München

Jede Energiegewinnung hat Auswirkungen auf die Umwelt und ist mit Risiken verbunden. Diejenigen der Tiefen Hydrogeothermie sind besonders gering. Im Oberrheingebiet bietet Geothermie die einmalige Chance, bereits vorhandene Wärmenetze klimaneutral umzubauen und viele neue zu errichten. Bruno Lorinser, Energiereferent des LNV, verweist auf das Nachbarland Bayern: „In München boomt die Nutzung Tiefer Hydrogeothermie geradezu, ohne dass irgendwelche Schäden aufgetreten wären“.

Lorinser weiter: „99 % des Erdkörpers sind über 1.000 °C heiß. Es wäre verantwortungslos, diese riesige Wärmeressource nicht zu nutzen und weiter Gas und Öl zu verfeuern!“.

Die Stadtwerke München machen es vor. Im Stadtgebiet stehen bisher sechs Anlagen mit Tiefer Hydrogeothermie. Die Anlage im Stadtteil Sendling, also mitten in der Stadt, kann mit ihrem Wärmenetz mindestens 80.000 Einwohner sicher, nachhaltig und zu langfristig günstigen Preisen mit Heizwärme versorgen.

Kaum Zielkonflikte mit dem Naturschutz

Im Gegensatz zu anderen regenerativen Energieformen sind die Zielkonflikte mit dem Naturschutz bei der Nutzung Tiefer hydrothermaler Geothermie nach Ansicht des LNV sehr gering. „Es wäre unverantwortlich, wenn wir wegen hypothetischer Risiken auf die Nutzung der Geothermie verzichten, noch länger fossil heizen und damit die sehr realen Folgen des Klimawandels in Kauf nehmen, an denen weltweit täglich Menschen sterben oder zu Klimaflüchtlingen werden“, meint LNV-Chef Gerhard Bronner.

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