Dieser Artikel wurde in der Ausgabe Oktober 2025 der gedruckten Kommunalwirtschaft abgedruckt.
09.10.2025 – Lesezeit ca. 8 Minuten 58
Fulda war Mitte September Treffpunkt der grabenlosen Kanalsanierung. Rund 400 Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, Ingenieurbüros, Bauunternehmen und Industrie diskutierten zwei Tage lang über aktuelle Entwicklungen und Erfahrungen und tauschten sich über notwendige Weichenstellungen der Branche aus. Damit verdeutlichten der 23. Deutsche Schlauchlinertag und der 14. Deutsche Reparaturtag einmal mehr ihren hohen Stellenwert als „Zukunftslab“ der Kanalsanierungsbranche. Als gesellschaftlich relevante technische Branche leistet diese einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Netzbewirtschaftung und damit zum Werterhalt kommunaler Anlagen. Doch während der Sanierungsbedarf stetig wächst, engen Fachkräftemangel und knappe Ressourcen den Handlungsspielraum der Akteure ein. Umso stärker erfolgt eine Konzentration auf Automatisierung, Digitalisierung und die Optimierung eingespielter Prozesse.
Mit einem fachlichen Überblick eröffneten Dr.-Ing. Igor Borovsky, Vorsitzender der Technischen Akademie Hannover e. V. (TAH) und Geschäftsführer des Verbandes zertifizierter Sanierungs-Berater für Entwässerungssysteme e. V. (VSB), und der Moderator Dipl.-Ing. Univ. Alexander Jung, ISAS GmbH, am 16. September den 23. Deutschen Schlauchlinertag. „Die beiden Fachtage sind nicht nur ein Forum für Technik und Verfahren, sondern vor allem auch ein Ort des Austauschs über eine gemeinsame Verantwortung für die Zukunft unserer Branche“, so ihr programmatischer Ausblick auf ein spannendes Veranstaltungsgeschehen.
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Mit Fulda haben die Organisatoren nicht nur einen guten Tagungsort gewählt, sondern zugleich eine Kommune mit Vorbildcharakter. Denn am fast 700 Kilometer langen Kanalnetz Fuldas lässt sich beispielhaft zeigen, wie Schlauchliner- und Reparaturverfahren dazu beitragen, Netze nachhaltig und zugleich wirtschaftlich instand zu halten. In seinem Grußwort berichtete Jürgen Fehl, Geschäftsführer des Abwasserverbands Fulda, von der Strategie seines Verbands, den Substanzwert des Netzes langfristig zu sichern und zu verbessern. „Dieses Ziel haben wir erreicht. Bei einer Neuberechnung im Jahr 2024 befanden sich 78 Prozent unseres Netzes in einer hohen Substanzwertklasse. 2014 lagen wir noch bei 68 Prozent. Und das obwohl wir weniger Mittel als ursprünglich geplant eingesetzt haben“, so Fehl. Einen entscheidenden Anteil daran hätten die Schlauchliner- und Reparaturverfahren, die sich als wirtschaftlich und effizient erwiesen haben. „Wir haben mit diesen Maßnahmen mit weniger investivem Engagement mehr erreicht.“
Wie wertvoll konkrete Praxisberichte für die Fachwelt sind, hat sich im Rahmen des 23. Deutschen Schlauchlinertages einmal mehr gezeigt. Markus Dohmann, Große Kreisstadt Backnang, wies auf die Bedeutung einer genau abgestimmten Verkehrsführung und Abflusslenkung als integraler Bestandteile jeder Sanierungsplanung hin. Dass konsequente Qualitätssicherung einen Unterschied macht, belegte Christoph Bäßler, Stadt Ettlingen. Nach massiven Schadensfällen mit über 90 undichten Stellen habe man die Abläufe in der baden-württembergischen Kommune grundlegend verändert. „Eine klimatisierte Lagerung der Liner, gezielte Einweisungen der Einbautrupps und sorgfältige Probenahmen sowie eine tägliche digitale Auswertung aller Einbauprotokolle gehören inzwischen zum Standard“, erläuterte Bäßler. „Wir wollen nicht erst nach Jahren wissen, ob etwas schiefgelaufen ist, sondern sofort gegensteuern können“, betonte er. Sein Fazit und seine Empfehlung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lautete: „Qualität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Planung, hochwertiger Technik und genauer Dokumentation und Überwachung aller Abläufe.“
Ein weiteres Praxisbeispiel aus Achern-Oberachern brachte Mykola Vareniuk, Vogel Ingenieure, mit nach Fulda. Dort musste ein Hauptsammler mit DN 800 und DN 1000 unter schwierigen Bedingungen saniert werden. Hierzu zählten enge Schächte, ein hoher Grundwasserstand und die Lage mitten in einer Hauptverkehrsader. „Ein Warmwasserliner wäre hier kaum praktikabel gewesen – der Aufwand für Verkehrs- und Abflusslenkung wäre unverhältnismäßig gewesen“, erklärte Vareniuk. Insgesamt wurden hohe technische und organisatorische Anforderungen an die Sanierungsmaßnahme gestellt. Dazu gehörten die Unterweisung der Einbautrupps, permanente Temperatur- und Druckkontrollen sowie begleitende Systeme, die eine lückenlose Qualitätssicherung gewährleisteten. Das Ergebnis war jedoch überzeugend. „Alle Sollwerte für E-Modul, Biegefestigkeit und Wanddicke wurden erreicht, die Reststyrolwerte lagen unter den Grenzwerten und die Dichtheitsprüfungen waren erfolgreich.“
In weiteren Vorträgen des Schlauchlinertages ging es um juristische Aspekte zu Qualitätskriterien in Ausschreibungen, die Festlegung und Beurteilung von Reststyrol-Grenzwerten und neue Aspekte zum Thema Schachtliner. Darüber hinaus wurde über praktische Erfahrungen bei Dükersanierungen und die besonderen Herausforderungen in Werksnetzen diskutiert. „Standardlösungen gibt es hier nicht. Oft haben wir es auf Werksgelängen mit fehlenden Schächten, engen Zeitfenstern und strengen Sicherheitsauflagen zu tun. Deshalb verlangt jedes Projekt eine individuelle Planung“, so das Fazit von David Heck, ISAS GmbH.
Die Podiumsdiskussion des Deutschen Schlauchlinertages machte deutlich, dass
die Herausforderungen der Branche weit über technische Fragen hinausgehen.
Während der Sanierungsbedarf stetig wächst, verschärft der Fachkräftemangel die
Situation spürbar. Als Lösungswege wurden Automatisierung, digitale Prozesse und
der Einsatz von Künstlicher Intelligenz diskutiert. Erste Erfahrungen zeigen, dass KI
bei der Auswertung von Inspektionsdaten bereits heute spürbare Entlastung schafft.
Dadurch können Ingenieurinnen und Ingenieure ihre Kapazitäten stärker auf komplexe Aufgaben konzentrieren.
Gleichzeitig wurde klar, dass moderne Technik allein nicht ausreicht. Entscheidend
sind gut ausgebildete Menschen, die diese Systeme bedienen, interpretieren und
weiterentwickeln. Viele Sanierungsteams bestehen aus Quereinsteigern – hier gilt
es, durch gezielte Qualifizierung, Onboarding und Assistenzsysteme Sicherheit und
Qualität zu gewährleisten. Auch die Rolle der Auftraggeber stand im Fokus. Flexiblere Vertragsmodelle und klarere Vergabestrukturen könnten helfen, Prozesse zu
verschlanken und Ressourcen effizienter einzusetzen.
Eine generationengerechte Instandsetzung von Leitungs- und Schachtsystemen gelingt nur mit einer lückenlosen Prozessführung von der Zustandserfassung und Planung bis zur qualitätsorientierten Umsetzung. So auch das Fazit des von Dipl.-Ing. Michael Hippe, Vorstandsvorsitzender des Verbandes zertifizierter Sanierungs-Berater für Entwässerungssysteme e. V. (VSB), moderierten 14. Deutschen Reparaturtages. Insgesamt wurde deutlich, dass es keine „One-Size-Fits-All-Reparaturlösung“ gibt. Vielmehr verlangt die Wahl des richtigen Reparaturverfahrens Managementkompetenz. „Richtiges Planen bedeutet, Risiken richtig zu bewerten“, betonte Mykola Vareniuk, Vogel Ingenieure. Das Ziel sei es, auf Basis einer strukturierten Bewertung der vorliegenden Schadensbilder und Rahmenbedingungen eine möglichstlange Nutzungsdauer eines Bauwerks zu erzielen. „Seien Sie nicht vorsichtig, seien Sie kompetent“, so Vareniuks Take-home-message.
Thomas Wedmann, Fischer Teamplan, stellte ein automatisiertes Konzept vor, das auf der Basis von Substanzklassen und schadensbasierten Regelverfahren fundierte Sanierungsstrategien ermöglicht. Statt wie bislang häufig üblich allein auf Schadensbilder oder Kostenschätzungen zu setzen, zeigte das vorgestellte Verfahren, wie sich der Abnutzungsvorrat eines Kanalnetzes und der daraus resultierende Sanierungsbedarf systematisch ermitteln lässt. Auf dieser Grundlage können Kommunen die Grenze zwischen Reparatur- und langfristigen Investitionsmaßnahmen klarer ziehen sowie Budgets fundierter ermitteln und zielgerichteter einsetzen. Der Blick von Ines Hamjediers, Prüfingenieurin bei der Gütegemeinschaft Güteschutz Kanalbau, richtete sich auf die Ausschreibungen – und damit auf den Punkt, an dem Qualität beginnen muss. Deutlich wurde, dass nicht die Länge der Texte entscheidend ist, sondern ihre Klarheit, Struktur, Transparenz und Verständlichkeit.
Darüber hinaus bildete das Thema „Schachtreparatur“ einen besonderen Schwerpunkt des 14. Deutschen Reparaturtages. Hier gab es praxisnahen Einblicke in Handlaminate, Abdichtungsverfahren und Schachtabdeckungen. Hannes Goldenstein, siebert + knipschild GmbH, formulierte drei goldene Regeln für Handlaminate. „Achten Sie auf saubere Untergründe, trockene Bedingungen und geschulte Fachkräfte“, so seine Empfehlung. Markus Gillar, Institut für Unterirdische Infrastruktur (IKT), präsentierte Ergebnisse von Großversuchen an Abwasserschächten. Hierbei zeigte es sich, dass viele Materialien kurzfristig abdichten, ein nachhaltiges Ergebnis jedoch sowohl von den eingesetzten Materialien als auch von einer sehr sorgfältiger Vorbereitung abhänge. Markus Dohmann, Große Kreisstadt Backnang zeigte, wie seine Stadt seit 2007 eine konsequent qualitätsgesicherte Schachtsanierungsstrategie verfolgt – mit klaren Erfolgen für eine nachhaltige Haltbarkeit und Kostenkontrolle.
Der 23. Deutsche Schlauchlinertag und der 14. Deutsche Reparaturtag haben verdeutlicht, dass Qualität nicht nur auf der Baustelle entsteht, sondern über die gesamte Prozesskette – von Planung und Ausschreibung über Einbau und Überwachung bis hin zur Dokumentation. Das Programm überzeugte durch eine gelungene Mischung aus Fachvorträgen, praxisnahen Erfahrungsberichten, Vorführungen im Außenbereich und einer begleitenden Fachausstellung. Damit war das Veranstaltungsduo wieder ein praxisnahes Lernlabor und eine Plattform für den gemeinsamen Blick nach vorn. „Ich habe wieder viel mitgenommen von diesen beiden Tagen – nicht nur technische Impulse, sondern auch Denkanstöße für Organisation und Zusammenarbeit. Der Schlauchliner- und Reparaturtag leben davon, dass wir Wissen teilen, kritisch hinterfragen und gemeinsam besser werden“, so Hippe zum Abschluss.
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