Rubrik Bau(en) & Städtegestaltung

„Es ist ein Vorteil, nicht immer wieder auf einem weißen Blatt Papier zu starten“

19.11.2024 – Lesezeit ca. 6 Minuten 184

„Es ist ein Vorteil, nicht immer wieder auf einem weißen Blatt Papier zu starten“

Die Grundschule Bregenzer Straße in Monheim am Rhein besticht durch ihre Optik. (Copyright: Tim Kögler Fotografie)

Jörg Flüß arbeitet bereits seit fast 20 Jahren bei dem Bau- und Dienstleistungsunternehmen Goldbeck und leitet aktuell den strategischen Vertrieb. Im Interview spricht er über das Vergaberecht bei öffentlichen Bauprojekten und welche Vorteile der systematisierte Bauansatz bringt.

Herr Flüß, Termin- und Kostenexplosionen bei öffentlichen Bauprojekten sind keine Seltenheit. Was macht diese Projekte so komplex?

Öffentliche Bauprojekte haben in den vergangenen Jahren teilweise eine negative Reputation aufgrund geplatzter Fristen und Budgetüberschreitungen entwickelt. Der Fachkräftemangel und ein starker Kostendruck, verbunden mit einem hohen Bedarf an Gebäuden, stellen die Kommunen vor Probleme. Komplizierte Abstimmungsprozesse mit vielen Projektbeteiligten aufgrund der Einzelvergabe und ein Mangel an geeigneten Nachunternehmern vervollständigen das Bild. Der Wechsel von der Vergabe ausschließlich nach Einzelgewerken zu einer Gesamtvergabe sollte immer in Erwägung gezogen werden. Wenn wir Projekte systematisiert und seriell in Kombination mit einer Gesamtvergabe realisieren, decken wir den Bedarf an Wohnraum, Schulen und anderen öffentlichen Bauprojekten deutlich schneller und kostengünstiger. Es ist ein Vorteil, nicht immer wieder auf einem weißen Blatt Papier zu starten. Selbst wenn die identische, serielle Herstellung von ganzen Gebäuden nicht möglich ist, so können doch bewährte, serielle Bauteile helfen, die Komplexität der Projekte zu reduzieren.

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Wie wird das Prinzip des seriellen Bauens in der Praxis umgesetzt?

Die systematisierte Bauweise ist seit unserer Gründung im Jahr 1969 ein wesentlicher Bestandteil unserer Strategie. Systematisiert und seriell zu bauen, bedeutet im Grunde, dass wir auf von uns industriell vorgefertigte Systemelemente setzen, die auf der Baustelle nur noch montiert werden müssen. Hierfür sind unsere eigenen Werke wichtig, die uns helfen, Kosten- und Terminsicherheit zu gewährleisten. Mit dieser Methode bieten wir eine hohe Anpassungsfähigkeit an individuelle Anforderungen und gewährleisten eine gleichbleibend hohe Qualität. So können wir standardisierte Prozesse verwenden, wodurch Bauzeiten erheblich verkürzt und Kosten gesenkt werden. Unseren öffentlichen Kunden liefern wir damit alles aus einer Hand. Gerade für Kommunen, die oft mit straffen Budgets und engen Zeitplänen arbeiten müssen, ist das ein großer Pluspunkt. Dabei ist es keineswegs so, dass am Ende jede Schule, um ein Produkt als Beispiel zu nennen, gleich aussieht. Unser Credo ist: Sichtbares individualisieren und Unsichtbares standardisieren. Für den Benutzer ist nicht ersichtlich, ob ein Gebäude seriell errichtet wurde.

Das serielle Bauen kann aber nicht allein die Lösung sein. Hätten Sie auch die Elbphilharmonie bauen können?

Wir können mit unserer Bauweise vieles ermöglichen. Die Systemelemente eröffnen unzählige individuelle Kombinationsmöglichkeiten, sodass Architekten sich hier im positiven Sinne austoben können. Ein Gebäude wie die Elbphilharmonie kann ich mir aufgrund der Komplexität und der Einzigartigkeit nur schwer in unserem System vorstellen. Die serielle Bauweise eignet sich besonders für Gebäude, die eine identische oder sehr ähnliche Nutzung aufweisen. Dazu gehören Schulen, Feuerwehrgebäude, Parkhäuser, Bürogebäude und Wohnungsbauten. Durch die Verwendung identischer Bauelemente im Einzelprojekt können wir hier besonders effizient arbeiten. Im Raum Berlin haben wir beispielsweise so in den vergangenen Jahren zahlreiche Schulen, Schulerweiterungsbauten und Sporthallen errichtet.

Der Bund macht vor wie es geht. Warum setzen öffentliche Auftraggeber trotzdem häufig auf die Einzelvergabe bei öffentlichen Bauprojekten?

Projekte, wie die bis zu 60 Ortsverbandsgebäude des THW oder die Trainingszentren für den Zoll, die wir als Gesamtvergaben – bei gleichem Vergaberecht wie auf kommunaler Ebene – durchführen, zeigen, was wir erreichen können. Diese Projekte lassen sich so deutlich schneller umsetzen als über eine Einzelvergabe. Öffentliche Auftraggeber gehen häufig davon aus, dass eine Einzelvergabe immer rechtlich verpflichtend ist, und beziehen sich dabei auf §97 Abs. 4 GWB. Gleichzeitig erlaubt dieses Gesetz eine Gesamtvergabe, und zwar wenn wirtschaftliche Gründe, wie eine Kostenminderung durch eine Gesamtvergabe, oder technische Gründe, wie der Einsatz von Bausystemen, dies erfordern. Um für diese geplante Abweichung von der Losvergabe Rechtssicherheit zu erlangen, ist eine deutliche Dokumentation über die Zweckmäßigkeit der zusammengefassten Vergabe die zentrale Voraussetzung.

Was spricht für eine Gesamtvergabe bei öffentlichen Bauprojekten?

Die Gesamtvergabe führt zu mehr Terminsicherheit, weil der General- oder Totalunternehmer für das gesamte Projekt verantwortlich ist und die einzelnen Gewerke koordiniert. Der Verwaltungsaufwand für die Kommune wird so reduziert, da sie nur einen Vertragspartner und festen Ansprechpartner hat. Wird in Einzelgewerken vergeben, bedingen Zeitverzögerungen in einem Gewerk oft auch die Handlungsfähigkeiten in anderen Bereichen. Mögliche Fehler in der Abstimmung diverser Schnittstellen können durch den Einsatz eines Generalunternehmers reduziert werden und führen nicht zu Schäden beim Auftraggeber, da der Generalunternehmer in Gesamthaftung steht. Zudem bietet eine Gesamtvergabe Kostensicherheit. Statt vieler Vergaben auf Einzelkostenbasis, bei denen die Abrechnungssummen erst mit den Schlussrechnungen feststehen, liefert ein General- oder Totalunternehmer einen pauschalen Fixpreis vor Baubeginn. Termine und Kosten können so besser geplant und Fristen klar definiert werden. Wir sehen eine zunehmende Bereitschaft bei Kommunen, auf Gesamtvergabe zu setzen, besonders dort, wo der Bedarf hoch ist.

Wie unterstützt Goldbeck den Auftraggeber bei einer Gesamtvergabe?

Bei einer Einzelvergabe ist der Organisationsaufwand durch die notwendige Koordination vieler verschiedener Gewerke deutlich höher, daher überwiegen die Vorteile der Gesamtvergabe die vermeintliche Komplexität, die durch die Rechtslage entsteht. Auch die Förderfähigkeit eines Bauprojektes ist durch eine Gesamtvergabe in der Regel nicht gefährdet. Richtig ausgeschrieben, kann ein Generalunternehmer wie Goldbeck schon in der Planungsphase im Rahmen einer Gesamtvergabe unterstützen. Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir so über 60 Ausschreibungen mit einer Gesamtvergabe gewonnen.

Bleiben bei einer Gesamtvergabe nicht lokale Unternehmen außen vor?

Bei der Realisierung von öffentlichen Bauprojekten binden wir stets lokale Nachunternehmer ein. Wir verstehen Bauen als regionales Geschäft und vergeben eine Vielzahl der Leistungen an regionale Nachunternehmer. So fördern wir die lokale Wirtschaft und beziehen regionales Fachwissen mit ein. Unsere deutschlandweite Präsenz mit eigenen Niederlassungen hilft uns, die regionalen Märkte genau zu kennen und effizient zu arbeiten. Wichtig ist, dass die Entscheidungen auf Basis von Kosten, Qualität und Terminsicherheit getroffen werden.

Was passiert nach dem Abschluss des Bauprojekts?

Grundsätzlich betrachten wir bei Goldbeck Projekte über ihren gesamten Lebenszyklus. Über die Goldbeck Public Partnership (GPP) bieten wir öffentlich-private-Partnerschaften an. Diese umfassen die Planung, den Bau und langfristigen Betrieb der Immobilie bis zu einer Vertragslaufzeit von 30 Jahren. Auf Wunsch werden zudem Finanzierungsleistungen erbracht. Mit den Goldbeck Services begleiten wir den Kunden auch in der Nutzungsphase des Gebäudes und sorgen für einen nachhaltig effizienten Betrieb der Gebäude. Dazu gehören Wartung, Instandhaltung und Optimierung, um den Wert der Immobilie langfristig zu erhalten. Unsere Services stellen sicher, dass alles reibungslos funktioniert und die Gebäude optimal genutzt werden.

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