Rubrik Landschaftspflege

Interview zum „Tag des Friedhofs“ am 21./22.09.

02.08.2024 – Lesezeit ca. 5 Minuten 1

Interview zum „Tag des Friedhofs“ am 21./22.09.

Ruhe, weniger Licht, keine Autos: Die Tierwelt findet auf Friedhöfen wertvolle Rückzugsgebiete. (Bild: Sigrid Tinz)

Friedhöfe sind mehr als letzte Ruhestätten. Mit einer naturnahen Grabgestaltung haben auch sie Potenzial, die biologische Vielfalt zu fördern. Angesichts des globalen Artensterbens kommt ihnen damit eine ganz besondere Rolle zu. Was genau ist mit einer „naturnahen Grabgestaltung“ gemeint und wo finden Interessierte Unterstützung? Das erfahren Sie im folgenden Interview zwischen Julia Sander, Leiterin des Deutschland summt!-Pflanzwettbewerbs, und Sigrid Tinz, Geoökologin, Journalistin und Mitglied der Wettbewerbsjury. Der Deutschland summt!-Pflanzwettbewerb motiviert seit dem Jahr 2016 Menschen dazu, Flächen insektenfreundlich zu gestalten. Auch Friedhofsflächen sind zur Teilnahme qualifiziert.

Julia Sander: Wenn ich an Friedhöfe denke, kommen bei mir ziemlich gemischte Gefühle hoch. Was fasziniert dich an diesen Orten?

Sigrid Tinz: Ich mag Friedhöfe einfach, für mich gehören sie zum Alltag. Meine Mutter hat früher die Gräber der Verwandtschaft gepflegt und so waren wir oft da. Je älter ich werde, desto mehr mag ich auch die Stimmung da. Sie ist ruhig, aber voller Energie. Dass man umgeben ist von Verstorbenen, ist für manche Menschen sicherlich unbehaglich. Ich finde das immer sehr tröstlich. Ich bin also nicht allein mit meinem Schicksal, sterben zu müssen. Und ganz klar: Friedhöfe sind Oasen der Artenvielfalt – kleine oder größere „Naturschutzgebiete“, ohne als solche ausgewiesen zu sein. Wenn sich Forschende einen Friedhof genauer anschauen, kommt fast immer das gleiche heraus: Jede Menge Arten, mehr als anderswo, und einige davon stehen auf der Roten Liste. Auf einem Friedhof lassen sich mitten in der Stadt so viele Tierbegegnungen erleben, wie sonst nirgends. Das gilt erst recht, wenn der Friedhof nicht nur einfach da ist, sondern von der Verwaltung und den Angehörigen auch noch naturnah gestaltet und gepflegt wird.

Julia Sander: Friedhöfe „naturnah“ zu gestalten, klingt erstmal ungewöhnlich. Was genau ist damit gemeint?

Sigrid Tinz: Eigentlich sind Friedhöfe schon oft voller Natur. Warum? Weil in unserer Kultur die Friedhöfe wie Gärten oder Parks angelegt werden. Weil sie oft voller alter Bäume sind, die woanders – nicht von Totenruhe beschützt – längst Baumaßnahmen zum Opfer gefallen wären. Weil auf Friedhöfen keiner rennt und tobt, wie das in anderen Parks oft der Fall ist. Auch weil Hunde, Radfahrer und Autos draußen bleiben müssen und abends die Tore geschlossen werden, sind Friedhöfe ein perfekter Rückzugsraum für die Natur. Hier herrscht nachts Ruhe, auch Lichtruhe. Auf Friedhöfen gibt es keine Straßenlaternen und Werbetafeln. Das ist für Insekten immens wichtig. Mehr geht natürlich immer: Es bietet sich zum Beispiel an, Wiesen statt Rasen zwischen den Gräbern zu etablieren, Wildstrauchhecken statt Lebensbäume und Rhododendren zu pflanzen oder die Brennnesseln an der Hecke stehenzulassen. Es gibt Friedhöfe, die machen sogar noch mehr: Die legen Totholzhecken an und Sandarien, die hängen Nistkästen für alle möglichen Tierarten auf, die bauen Teiche und Trockenmauern oder fördern auch bei der Grabgestaltung mehr Naturnähe.

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Julia Sander: Geht es eher um einzelne „wilde“ Gräber, Gemeinschaftsflächen oder um den gesamten Friedhof?

Sigrid Tinz: Das ist ganz unterschiedlich. Letztlich können alle, die ein Grab betreuen, es so bepflanzen, wie sie es wollen. Natürlich gibt es auch hier einen gewissen Rahmen, klar, aber es geht schon mehr, als der typische Friedhofslook aus Heide, Stiefmütterchen und Zierkonifere. Gleichzeitig gilt aber auch: Wenn die Rahmenbedingungen auf dem Friedhof von der Verwaltung gut und naturnah gestaltet sind, fällt ein einzelnes Schottergrab nicht so ins Gewicht. Viele Friedhöfe bieten mehr und mehr Gemeinschaftsgräber an. Diese sind generell auch oft naturnah bepflanzt. Für viele Menschen ist das ein guter Kompromiss, da ein individuelles, würdevolles Grab teuer ist.

Julia Sander: Ich frage jetzt etwas provokant. Wer profitiert von der naturnahen Gestaltung? Friedhöfe sind schließlich keine Privatgärten oder Parks, wo Familien am Wochenende spazieren gehen.

Sigrid Tinz: Ich gehe schon öfter am Wochenende auf Friedhöfen spazieren – einfach so oder weil ich dort Führungen anbiete. Es ist sicherlich kein gewöhnliches Ausflugsziel, aber ein sehr schönes. Und je mehr die Natur dort ihren Platz hat, umso schöner ist es dort. Umso mehr Menschen kommen vielleicht einfach mal vorbei. Von einem selbstverständlicheren Umgang mit dem Thema „Tod“ und unseren Toten können wir alle profitieren. Auch für Trauernde hat das bunte Leben bestimmt sein Gutes. Wenn sie zum Grab gehen und dort Schmetterlinge treffen, ist das doch schöner, als vor einer Marmorplatte zu stehen. Also: Die Natur profitiert – und wir ebenso!

Julia Sander: Hast Du schon mit Angehörigen über einen umgestalteten Friedhof gesprochen? Wie sind die Reaktionen?

Sigrid Tinz: Ganz direkt bekomme ich fast ausschließlich positive Rückmeldungen. Bei meinen Vorträgen und Führungen sind allerdings auch Menschen dabei, die sich für das Thema interessieren. Indirekt bekomme ich auch irritierte Reaktionen mit. Die stammen von Menschen, die ein bestimmtes ordentliches – ich sage „steriles“ – Bild eines Friedhofs gewohnt sind. Moos auf Grabsteinen, Totholz als Grabschmuck und verblühte Insektenweiden gefällt ihnen nicht so. Die Erfahrung zeigt aber: Je mehr der Friedhof selber mit gutem Beispiel vorangeht und vielleicht sogar Infotafeln aufhängt, desto eher wird das akzeptiert. Und umso mehr Leute trauen sich dann, auf ihrem Grab auch ein bisschen die „Zügel“ locker zu lassen.

Julia Sander: Hat sich die naturnahe Gestaltung auch schon bei den Friedhofsgärtnereien herumgesprochen?

Sigrid Tinz: Das ist ganz unterschiedlich. Manche bieten von sich aus naturnahe Mustergräber, andere sind zumindest solchen Wünschen gegenüber aufgeschlossen. Dann gibt es auch immer noch welche, die ihre Eisbegonie-Heide-Stiefmütterchen-Wechselbepflanzung verkaufen wollen und auf Kundenwünsche nicht eingehen. Niemand ist allerdings verpflichtet, das Grab von der Friedhofsgärtnerei pflegen zu lassen. Manchmal ist es im Bestattungspaket drin, aber generell kann sich jede*r um die Gräber seiner Angehörigen selbst kümmern. Es ist möglich, die Gräber so zu gestalten, wie es die Friedhofssatzung erlaubt und wie es gefällt. Die Satzung ist oft flexibler als gedacht.

Julia Sander: Wo können Interessierte Unterstützung erhalten, sowohl hinsichtlich Gestaltungstipps als auch bei der praktischen Umsetzung?

Sigrid Tinz: In meinem Buch (scherzhaft gemeint). Wenn man Glück hat, gibt es auch auf dem Friedhof Unterstützung. Manchmal bietet die Verwaltung Informationen dazu an. Hinzu kommt, dass Online-Gärtnereien spezielle Grabpflanzenpakete im Angebot haben. Ich würde mich da erstmal umsehen, und mich auch an die örtlichen Naturschutzverbände wenden. Die sind oft auf dem Friedhof aktiv und sind gerne bereit, zu beraten und zu helfen, wenn jemand „ihren“ Friedhof lebendiger und naturnäher machen möchte. Und ihr von Deutschland summt! bietet auf euren Webseiten ja auch viele Informationen rund um die naturnahe Gestaltung von Flächen an!

Julia Sander: Vielen Dank für das Interview, Sigrid!

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