Rubrik Veranstaltungen

Eindrücke und Positionen vom 38. Oldenburger Rohrleitungsforum

Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen

11.02.2026 – Lesezeit ca. 4 Minuten 22

Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen

v.l.n.r Prof. Katharina Teuber, Dr. Bernd Wagner, Heiko Fastje, Heidi Schettner, Mike Böge, Dr. Wolf Merkel (Foto: Sven Anacker)

Das Leitthema des 38. Oldenburger Rohrleitungsforums bringt präzise auf den Punkt, vor welcher Aufgabe die unterirdische Infrastruktur in Deutschland steht: Bestehende Netze müssen erhalten, angepasst und weiterentwickelt werden – und zugleich gilt es, neue Anforderungen aus Klimawandel, Energie- und Wärmewende, Digitalisierung sowie veränderten Sicherheitslagen zu integrieren. Alt und Neu sind dabei keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer gemeinsamen Verantwortung für die Daseinsvorsorge von morgen.

Für Mike Böge, Geschäftsführer des Instituts für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg e. V., ist dieses Zusammendenken von Bestand und Zukunft weit mehr als eine technische Fragestellung. Es geht ebenso um Erfahrung und Nachwuchs, um Wissenstransfer, Dialog und Offenheit für neue Wege. Das Oldenburger Rohrleitungsforum versteht er als genau diesen Ort des Austauschs – spartenübergreifend, auf Augenhöhe und mit einem integrativen Blick auf die Herausforderungen der unterirdischen Infrastruktur. Mit über 1.000 Teilnehmenden an der Fachtagung und mehr als 5.000 Besucherinnen und Besuchern in der begleitenden Fachausstellung unterstreicht das Forum auch in diesem Jahr seine Bedeutung als zentraler Treffpunkt der Branche. Zugleich wird hier das Vermächtnis des im November 2025 verstorbenen iro-Gründers Prof. Joachim Lenz lebendig, der das Institut stets als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Praxis verstanden hat.

Advertising

Tag des kommunalen Klimadialogs: 22. April 2026, 10:00 Uhr.

Urbane Räume lebenswert und klimagerecht gestalten: Online-Experten-Talk zur nachhaltigen Stadtplanung der Zukunft. Lösungen und Möglichkeiten im Dialog entdecken – jetzt kostenlos anmelden.

Einen inhaltlichen Schwerpunkt setzt Dr. Wolf Merkel, Vorstand Wasser im Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW), mit Blick auf die Trinkwasserversorgung. Deutschland verfügt über eines der zuverlässigsten Trinkwassernetze weltweit – ein Erfolg kontinuierlichen Substanz- und Werterhalts auf Basis klarer technischer Regeln. Doch Klimawandel, Extremwetterereignisse sowie wachsende Anforderungen an die zivile Sicherheit stellen die Wasserversorgung vor neue Herausforderungen. Merkel betont die Notwendigkeit zielgerichteter Resilienzmaßnahmen, die von systematischen Risikoanalysen über datengetriebene Betriebsführung bis hin zu Investitionen in Redundanzen und Speicher reichen. Forschungsprojekte des Zukunftsprogramms Wasser liefern hierfür praxisnahe Hilfestellungen. Zugleich macht er deutlich, dass Resilienz auch eine Frage der Finanzierung ist: Zusätzliche klimainduzierte Investitionen in Milliardenhöhe sind notwendig, damit Alt und Neu dauerhaft zusammenwirken können.

Aus Sicht eines Verteilnetzbetreibers beleuchtet Heiko Fastje, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Technik bei der EWE NETZ GmbH, die Transformation der Gasnetze. Gas spielt derzeit noch eine zentrale Rolle für Wärmeversorgung, Industrie und Stromerzeugung. Mit dem Auslaufen der fossilen Gasversorgung verändert sich diese Rolle jedoch grundlegend. Fastje unterstreicht, dass Gasmoleküle auch in einem defossilisierten Energiesystem unverzichtbar bleiben – insbesondere in Form von erneuerbarem Wasserstoff und Biogas. Der zukünftige Fokus der Gasnetze verschiebt sich weg von der individuellen Gebäudewärme hin zu Industrie, Gewerbe und flexibler Stromerzeugung. Für Verteilnetzbetreiber bedeutet das, schon heute regionale Verfügbarkeiten zu analysieren, Netze gezielt anzupassen und mithilfe moderner Simulationen die Weichen für eine sichere, wirtschaftliche und klimafreundliche Versorgung zu stellen.

Die Wärmewende steht im Zentrum der Ausführungen von Dr.-Ing. Bernd Wagner vom Energieeffizienzverband AGFW. Fernwärme gilt als Schlüssel für eine nachhaltige urbane Wärmeversorgung, zugleich sind die Ausbauziele ambitioniert: Bis 2045 soll sich die Zahl der angeschlossenen Gebäude verdreifachen, bei gleichzeitiger Umstellung auf klimaneutrale Erzeugung. Wagner zeigt, dass der Spagat zwischen bestehenden und neuen Netzen nur mit innovativen technischen und organisatorischen Lösungen gelingt. Grabenlose Sanierungsverfahren, ein nachhaltiges Assetmanagement, digitale Zustandsüberwachung und Predictive Maintenance erhöhen die Nutzungsdauer und Resilienz der Netze. Beim Neubau eröffnen zeitweise fließfähige, selbstverdichtende Verfüllbaustoffe neue Potenziale für einen ressourcen- und umweltschonenden Leitungsbau. Auch hier zeigt sich: Der Weg in die Zukunft führt über die intelligente Weiterentwicklung des Bestandes.

Eine übergreifende Perspektive auf Wasserwirtschaft, Digitalisierung und Ausbildung bringt Prof. Dr.-Ing. Katharina Teuber von der Jade Hochschule ein. Aus ihrer Sicht stehen urbane Wassersysteme im Spannungsfeld zwischen zunehmenden Starkregenereignissen, längeren Trockenperioden und alternder Infrastruktur. Digitalisierung, Sensortechnik, Simulationsmodelle und KI-gestützte Assistenzsysteme eröffnen neue Möglichkeiten für eine intelligente Steuerung bestehender Netze und eine zielgerichtete Investitionsplanung – gerade vor dem Hintergrund von Kostendruck und Fachkräftemangel. Teuber betont zudem die zentrale Rolle von Ausbildung und Weiterbildung, um Fachkräfte auf die veränderten Anforderungen vorzubereiten und den Wandel aktiv zu gestalten. Das Forum selbst steht dabei sinnbildlich für die Verbindung von fachlicher Kontinuität und Fortschritt.

In der Gesamtschau wird deutlich: Unsere vielfach jahrzehntealten Netze bleiben das Rückgrat der Daseinsvorsorge. Die Zukunft liegt nicht im radikalen Neubeginn, sondern in der wertschätzenden Weiterentwicklung des Bestandes. Das 38. Oldenburger Rohrleitungsforum zeigt eindrucksvoll, wie Alt und Neu gemeinsam gedacht und gestaltet werden können – technisch, organisatorisch und menschlich.

Weitere Artikel in dieser Rubrik